Freitag, 28. August 2015

[Rezension] Wir wollten nichts. Wir wollten alles.


Autoren: Sanne Munk Jensen & Glenn Ringtved

Übersetzer: Ulrich Sonnenberg

dän. Originaltitel: Dig og mig ved daggry (2013)

Verlag: Oetinger

Seiten: 336

Erscheinungsdatum: Januar 2015

ISBN: 978-3-7891-3920-8

Gebunden mit Schutzumschlag; 16,99€




Inhalt:

Aus dem Limfjord werden zwei mit Handschellen aneinander gekettete Leichen gezogen: Liam und Louise. Keiner ahnt, was dieses doch offensichtlich glücklich verliebte, junge Paar zu diesem Selbstmord getrieben hat. Die Eltern erkennen, wie wenig sie ihre Kinder doch gekannt haben. Und dahinter steht die Liebesgeschichte zweier Jugendliche, die ohne einander nicht mehr konnten ...


Äußere Erscheinung:

Der Titel ist mehr als passend, weil er die Geschichte, die Liebe von Liam und Louise im Prinzip auf den Punkt bringt.
Auch das Cover finde ich sehr schön. Dieser wunderschöne Farbverlauf von dem hellen bis zum dunklen Blauton, die wahrscheinlich das Wasser des Fjordes symbolisieren sollen. Und das Motiv des aneinandergeketteten Paares ist auch schlicht perfekt. Hier finde ich es auch sehr gut, dass der Junge und das Mädchen nur als Schatten dargestellt sind und dem Leser somit die Vorstellung nicht vorweggenommen wird.

Meine Erwartung:

Das Buch hat mich vom ersten Augenblick an angezogen, die Geschichte und vor allem die Frage nach ihrem Hintergrund haben mich neugierig gemacht.

Meine Meinung:

Vorweg: Ich würde euch davon abraten, den Klapptext zu lesen - er verrät zu viel. Und gerade bei dieser Geschichte liegt der Reiz auch darin, den Hintergrund erst nach und nach zu entdecken.

Die Geschichte beginnt in dem Moment, in dem die Leichen aus dem Fjord gefischt werden. Dennoch wird sie aus Louises Sicht erzählt, die allerdings auch nicht wirklich ein Geist ist. Schon noch irgendwie anwesend, aber man erfährt auch nicht viel zu ihrer Erscheinungsform. Das ist meiner Meinung nach auch nicht nötig.
Sie erzählt im Präsens, wie die Hinterbliebenen damit umgehen, wie ihre Mutter darin zerbricht, wie ihr Vater beginnt zu recherchieren, wie Liams Vater nicht damit klarkommt. In erster Linie beschreibt sie diese Handlungen, manchmal auch die Gedanken der Personen und manchmal erwähnt sie auch, wie sie gerne eingreifen würde.
Im etwas größeren Teil der Handlung erzählt sie außerdem im Präteritum die Geschichte von ihr und Liam, weitgehend chronologisch von dem Moment an, an dem sie sich getroffen und auf den ersten Blick verliebt haben. Dabei fasst sie lange Zeitabschnitte, in denen nichts Besonderes passiert, oft zusammen, sodass dem Leser die Entwicklungen der Liebe teilweise vorenthalten werden- gleichzeitig entstehen so auch keine Längen.

Louise wirkt im Tod reifer und sieht die Zusammenhänge besser. Im Leben kommt sie manchmal naiv rüber, nicht direkt dumm, nur unwissend. Manchmal schwach, dann wieder handelt sie. Während der Handlung war sie mir anfangs nicht immer sympathisch, doch im Verlauf begann ich, sie zu mögen.
Anfangs war ich mir nicht mal sicher, ob es überhaupt darauf ausgelegt ist, dass man die Charaktere mögen muss. Besonders in der ersten Hälfte fehlte mir der Zugang zu Liam und Louise, dennoch stört das die Geschichte gar nicht mal so sehr, auf jeden Fall nicht so, wie es bei anderen Büchern der Fall wäre. Und doch, irgendwann fand ich diesen Zugang.
Auf der einen Seite konnte ich schon irgendwie nachvollziehen, wieso Louise sich in Liam verliebt hat und manchmal war er wirklich süß, auf der anderen Seite nervte mich sein Verhalten des Öfteren. Nicht, weil es zwingend unsympathisch oder unverständlich war, aber weil ich mich in Louises Frustration hineinversetzen konnte. Zu sagen, die Charaktere verfügten nicht über Ecken und Kanten, wäre eine glatte Lüge.

Denn es lässt sich so zusammenfassen: Die Charaktere sind unheimlich vielschichtig. Haben in der Regel für fast alles Motive, handeln nicht immer zu der Zufriedenheit des Lesers, machen Fehler, verhalten sich aufbrausend und unsympathisch und doch schleichen sie sich irgendwie ins Herz.
Diese Echtheit macht die Charaktere aus. Wie aus dem Leben, kein Charakter ist perfekt, viele verhalten sich nicht immer richtig und haben negative Seiten und doch haben sie auch alle ihre positiven Seiten und sind irgendwie doch liebenswert. Das gilt auch für die Nebencharaktere. Louises Mutter, die mir lange auf den Keks ging und die am Ende doch einen Platz in meinem Herzen hatte. Jeppe, der manchmal total verantwortungslos und unüberlegt und unfähig handelt, und den man doch irgendwie gern haben muss. Und all die anderen.
Kurz: Alle Charaktere wirken echt und authentisch.

Doch dieses Buch lebt auch durch die Geschichte. Und das Buch wird nicht zu Unrecht von dem Verlag ab 16 Jahren empfohlen.
Ich will nicht spoilern, aber Gewalt und auch schockierendere Momente sind Teil der Geschichte. Und auch sonst ist diese schonungslos ... realistisch? Liam ist in gefühlt jeder zweiten Szene bekifft, doch erstaunlicherweise hat mich das gar nicht mal so sehr gestört, weil es irgendwie ... normal war in dem Buch. Nicht verherrlichend, nicht unbedingt schön, aber akzeptabel. Und der Gebrauch von Fäkalsprache ist auch äußerst gängig, auf gefühlt jeder zweiten Seite kommt das Wörtchen „fuck“ in irgendeiner Variation vor.
Auch das Thema Sex wird hier nicht unter den Tisch gekehrt, ganz im Gegenteil.


Generell würde ich ein gewisses Minimum an Englischkenntnissen empfehlen. Liams Vater ist Ire und spricht die meiste Zeit auf Englisch und auch Liam bringt des Öfteren Englisch in seine Worte ein. Das ist jetzt kein hochsprachliches Englisch, sondern meist einfache, alltägliche Sätze, die die Englisch-Kenntnisse jetzt nicht groß anstrengen oder gar überfordern - just to say it.
Genaugenommen fand ich es sogar ganz schön, dass das nicht übersetzt wurde beziehungsweise von Anfang so drin stand, weil es ungemein authentisch wirkt - und viel cooler, als wenn da jedes Mal gestanden hätte: ... sagte er auf Englisch. Und die Meisten von euch sollte das auch nicht stören, so ein bisschen Englisch haben wir ja alle in der Schule (gelernt). ;)

Die Sprache selbst ist generell recht umgangssprachlich und wirkt oft so, als würde Louise das Ganze auch gerade wirklich erzählen, da sie verhältnismäßig viel indirekte Rede benutzt.
Der Schreibstil ist ziemlich fesselnd und insgesamt war diese Geschichte, die letztendlich ziemlich tragisch ist, absolut mitreißend. Vor allem am Ende auch emotionell mitreißend, wenn man nicht nur mit Louise und Liam sondern auch mit den Hinterbliebenen mitfiebert und hofft, dass sie es schaffen, weiterzuleben.
Aber auch Liams und Louises Geschichte ist .... mitreißend. Anders lässt es sich kaum beschreiben. Zwar gibt es immer wieder kleine Andeutungen, doch erst am Ende begreift der Leser alle Zusammenhänge. Sodass ich zum Schluss vollkommen geflasht von diesem Buch zurückblieb, dass nicht schön ist - schön ist es wirklich nicht - aber den Leser komplett mit sich reißt.


Fazit: Fesselnd. Mitreißend. Emotionell.






Quelle Cover: Oetinger

4 Kommentare

  1. Huhu,
    schöne, ausführliche Rezi. Ich denke zwar nicht das das Buch für mich etwas ist, aber es war interessant mal mehr darüber zu hören. ;)
    Alles Liebe,
    Ellen ♥

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    1. Danke, liebe Ellen. :) Ja, ich glaube auch nicht, dass es für jeden was ist, aber wer das schon denkt, dem kann ich es absolut empfehlen. ;)

      Dir auch alles Liebe ♥

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  2. Hey Dana,

    tolle Rezi, das klingt ja wirklich super! Ich glaube, das Buch muss ich auch mal auf meine Wunschliste setzen :)

    Ich habe dich übrigens getaggt und würde mich freuen, wenn du Lust hättest, mitzumachen:
    http://sanasbookworlds.blogspot.de/2015/08/tag-books-until-end.html

    Liebste Grüße,
    Sana

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    1. Hey Sana,

      dankeschön, ich kann es dir auch wirklich empfehlen! Es hat mich total mitgerissen. ^^

      Danke. *o* Lust habe ich bestimmt, ich muss nur erst noch ein paar Rezensionen abarbeiten, ich schieb den Tag dann dazwischen. ;)

      Liebste Grüße auch dir! :)

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