Sonntag, 6. September 2015

Solange die Nachtigall singt

«Aber wer sehen kann, dachte er, sieht nicht nur die Schönheit, sondern auch das Leid.» (Seite 311)



Autor: Antonia Michaelis
Verlag: Oetinger
Seiten: 448
Erscheinungsdatum: September 2012
  
ISBN: 978-3-7891-4293-2
Gebunden mit Schutzumschlag; 16,95€
(Taschenbuch; 9,99€)

„Die Welt ist voller Zwischenräume, in die man schlüpfen kann.“ (Seite 268)
 
Der Tischlergeselle Jari geht wandern, um der ordentlichen Welt zuhause für drei Wochen zu entfliehen. Doch bereits zu Beginn trifft er auf ein junges Mädchen, das ihn zu einem Haus tief im Nebelwald mitnimmt. Jari wird in diese Welt voller Schönheit gezogen - und verirrt sich in den Abgründen dieser Schönheit ...

Erstmal ein paar Worte zu der Gestaltung: Der Titel ist perfekt und auch die düstere Atmosphäre des Covers ist absolut zutreffend.

Jari ist nicht der perfekte Protagonist, doch ich mochte ihn trotzdem. Er ist sehr vielschichtig, am Anfang noch der unsichere, unerfahrene, unscheinbare Tischlergeselle, der nur einmal mit einem Mädchen im Bett landen will, macht er eine starke Entwicklung in dem Buch durch.
Über das Mädchen will ich gar nicht viel sagen, um euch nicht zu spoilern, aber auch sie ist ein sehr tiefgründiger Charakter.

Vermutlich muss ich nicht mehr bei jedem Buch von Antonia Michaelis ihren herausragenden Schreibstil hervorheben, aber ich machs trotzdem.
Ich liebe den Stil. Die Art, wie sie mit den Worten spielt, sie zu Kunstwerken werden lässt und so schön schreibt, wie es wenige Autoren vermögen. Wie sie die Schönheit der Sprache, der Worte einfängt. Wie ihre Beschreibungen ebensolche Kunstwerke sind und die Bilder auf eine wundervolle, metaphorische Weise einfangen. Wie ich jedes einzelne Wort beim Lesen ausgekostet habe.

«Die Oktoberluft bestand aus flüssigem Gold.» (Seite 77)

Und dann wäre da noch die Atmosphäre, die nur Antonia Michaelis beschwört, diesen Stil, den sie selbst Sousrealismus nennt. Dieses Balancieren zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit, das in diesem Buch auf einer besonderen Ebene geschieht.
Jari ist nicht selten berauscht und verliert irgendwann besonders in Momenten des Rausches den Blick dafür, was wirklich ist und was seiner Einbildung entspringt, und der Leser wird ebenso in dieses verschwommene Zwischen gezogen. Diese melancholische Atmosphäre, diese bittersüße Schwere ist ebenso mitreißend wie verstörend und zog mich vollständig in ihren Bann.

«Der Faden, der Jari mit der Realität verband, wurde immer dünner.» (Seite 79)

Zwischendurch gibt es kurze Absätze, die eine andere Geschichte erzählen. Als Leser beginnt man schnell, Bezüge herzustellen. Der Leser begreift - und begreift doch nicht. Egal, wie viel man sich zusammenreimt, irgendein Aspekt bleibt immer, der unerklärlich ist, ein Puzzleteil, das nicht passt. Der Autorin gelang es immer wieder, mich zu überraschen. Dabei verschwimmen eben auch die Grenzen zwischen real und sursousreal und eine sehr fesselnde Spannung entsteht.
Dazu offenbart das Buch auch eine gewisse Brutalität. Doch die Idee und besonders ihre Umsetzung heben sich stark von allem ab, was ich kenne - definitiv eine Leseempfehlung!

Fazit: Wunderschöner Schreibstil; düstere, melancholische Atmosphäre zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit; fesselnd und mitreißend!

Quelle Cover: Oetinger

8 Kommentare

  1. Das klingt toll. Da freue ich mich ja richtig, dass ich das auch noch lesen darf. :D

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    1. Meiner Meinung nach hast du auch definitiv Grund, dich darauf zu freuen. ;) Ich wünsche dir schon mal im Voraus viel Spaß beim Lesen! :)

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  2. WILL LESEN! :O
    Hab die Rezi eben erst entdeckt, Schande über mich :X

    ♥♥♥♥

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    1. Du hast das Buch noch nicht gelesen? :O Dann solltest du das wirklich dringend nachholen. :P Ganz typisch Antonia-Michaelis-Stil mit noch ein bisschen mehr real-nicht-real als man von ihr sowieso noch gewohnt ist, tolle Metaphern .... Lies es!!! ;D

      ♥♥♥♥♥

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    2. NOCH mehr? Wie cooool :D Ich hab ja schon bei "Niemand liebt November" nicht mehr durchgeblickt ^^

      ♥♥♥♥♥♥♥♥

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    3. Wie gesagt, er ist des Öfteren berauscht, das macht es leichter, den Leser noch mehr zu verwirren ... im positiven Sinne. ^^ Soll heißen: Wirklich cool! *o*

      ♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥

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    4. Haha, okay - ich werd mir das Buch mal zu Gemüte führen xD

      ♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥

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    5. Solltest du. Ganz unbedingt.

      ♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥

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