Sonntag, 18. Oktober 2015

Sommer unter schwarzen Flügeln

‚Frag keinen nach der Wahrheit, Nura‘, sagte er. ‚Mach die Augen auf.‘ (Seite 203)






Autor: Peer Martin

Verlag: Oetinger

Seiten: 528

Erscheinungsdatum: Februar 2015

ISBN: 978-3-7891-4297-2

Gebunden mit Schutzumschlag; 19,99€



Reihe: (lässt sich problemlos und genauso gut als Einzelband lesen!)
  • Sommer unter schwarzen Flügeln
  • Winter so weit (geplant für Ende 2015)
  • Feuerfrühling (Erscheinungsdatum unbekannt)



Das Schlimmste ist nicht, wenn sie dich quälen. Das Schlimmste ist, wenn sie dich dabei zusehen lassen, wie sie jemanden quälen, den du liebst. (Seite 469)


Nuri heißt eigentlich Nura, ist aus ihrer Heimat Syrien geflohen und wohnt jetzt im Asylantenheim. Calvin ist Neo-Nazi, gehört einer rechten Jugendgruppe an und hasst Ausländer.
Dann treffen die beiden aufeinander und von Anfang an existiert zwischen den beiden eine besondere Faszination, die über jede Vernunft hinausgeht. Und Nuri beginnt zum ersten Mal zu erzählen: Von Syrien, den Olivenbäumen und dem Krieg. Ihre Worte lassen Bilder in Calvins Kopf entstehen, die er nicht mehr loswird. Und langsam schleichen sich Zweifel an seinen bisherigen Vorstellungen in seinen Kopf und er beginnt, sie zu hinterfragen. Doch seine Gruppe gibt ihn nicht frei. Und hat das zwischen den beiden wirklich eine Chance?



Niemand ist tapfer abseits der Kinoleinwand. (Seite 434)



Lest den ursprünglichen Klapptext nicht! ... der spoilert ziemlich.
Der Titel ist definitiv passend, die „schwarzen Flügel“ sind ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte. Auch das Cover mit all seiner Symbolik finde ich sehr gelungen.

„Hübsche Frauen darf man nicht zu lange betrachten, denn dann zerfallen ihre Konturen. Nicht hübsche Frauen kann man lange ansehen, und mit jedem Blick entdeckt man mehr von ihrer Schönheit.“ (Seite 23)



Dieses Buch ist so viel mehr als nur eine Liebesgeschichte und passt zudem leider perfekt zu der hochaktuellen Flüchtlingskrise. Was verdammt traurig ist, weil das Buch im vorletzten Sommer spielt und doch fast noch besser in den diesjährigen Sommer passt.
Es ist eins dieser Bücher, die einen ganz nebenbei noch bilden. Vor jedem Kapitel finden sich meist zwei, einander entgegengesetzte Zitate, eins aus dem rechten Lager und eins pro Flüchtlinge. Am Ende jedes Kapitels finden sich zwei, drei Vorschläge für eine vertiefende Internetrecherche, zum Beispiel Orte in Syrien, Ereignisse im syrischen Bürgerkrieg, neo-nationalsozialistische Symbole oder Gruppen und Ähnliches, die in der Regel im Kapitel erwähnt wurden. (Im Übrigen kann ich nur empfehlen, diese Begriffe dann auch zu googeln, gerade wenn das Thema dich interessiert.)

Ich weiß ja nicht, wie es bei euch aussieht, aber ich muss beschämt gestehen, dass ich vorher kaum was über den syrischen Bürgerkrieg wusste. Kämpfe zwischen Rebellen und der Regierung - sowas hatte ich zwar durchaus zwischendurch in den Nachrichten mitbekommen, Hintergründe und Entwicklungen waren mir aber vollkommen unbekannt. Das hat sich mit diesem Buch absolut geändert: Quasi nebenbei erfährt man als Leser viele Details zu dem Verlauf des Bürgerkrieges und erhält ein ganz neues, schonungslos reales Bild von diesem.
Darüber hinaus wird ein authentisches Bild der Situation der Flüchtlinge in Deutschland und im Asylantenheim gegeben, beispielsweise in Bezug darauf, was es für die Flüchtlinge bedeutet, keine Arbeitsgenehmigung zu bekommen und den ganzen Tag rumsitzen zu müssen. Abgesehen davon, dass sie in einem fremden Land leben müssen, manchmal mehr gezwungen als freiwillig. Gerade solche Probleme stellt der Autor auch sehr berührend dar, sodass die Sehnsucht nach der Heimat durch die Zeilen spürbar wird - das ist auch in Nuris Erzählungen der Fall.

„Sie hoffen, dass wir irgendwann freiwillig zurückgehen“, sagte Kamal. „Weil wir uns lieber in unserer Heimat umbringen lassen, als hier zu verrotten.“ (Seite 336)



Aber auch der Neo-Nationalsozialismus ist eins der zentralen Themen, da Calvin mitten darin steckt. Und es ist mit Sicherheit kein einfaches Thema.
Der Autor vermittelt ein sehr authentisches Bild davon, wie sich dieser Neo-Nationalsozialismus gestaltet sowie was rechte Jugendgruppen denken und tun und gibt so einen Einblick in diese Szene. Für den Leser bedeutet das auch, dass man mit dieser völlig verdrehten Ideologie konfrontiert wird, was definitiv nicht einfach ist. Aber gerade in der Zeit voller rechter Demos zeigt sich, wie realistisch doch diese Darstellung ist.
Dazu kommt, dass die Entstehung dieser rechten Jugendgruppen erstaunlich nachvollziehbar erklärt wird, sodass ein Ansatz von Verständnis dafür entsteht, wie Jugendliche überhaupt zu dieser Einstellung kommen können. Wirklich Verständnis für diese werde ich wohl nie entwickeln, doch auch hier zeigt sich die ungemeine Authentizität des Buches.
Daher einfach mal ein Lob für diese ausführliche Recherche des Autors!

„Deutschland besteht aus Ämtern.“ (Seite 333)



Kommen wir zu den Protagonisten. Nuri und Calvin erzählen beide die Geschichte aus ihrer jeweiligen Perspektive, Verwechslungsgefahr besteht eindeutig nicht. Gerade am Anfang hatte ich das Gefühl, dass Calvin einen höheren Erzählanteil hat, das wird später einigermaßen durch Nuris Geschichte ausgeglichen.
Nuri bzw. Nura ist einer dieser Charaktere, bei denen man gar nicht anders kann, als sie ins Herz zu schließen. Dabei ist sie nicht das verletzliche Mädchen, sondern durchaus eine starke Persönlichkeit. Gerade diese Stärke (hinter der sich doch wieder Verletzlichkeit verbirgt) vertiefte nur meine Sympathie für sie.
Im Verlauf der Geschichte offenbart sie eine Fähigkeit, die mich der fehlenden Authentizität wegen erst ein wenig gestört hat, ehe mir aber klar wurde, dass sie notwendig war, um der Geschichte den Raum zu geben, den sie braucht.

‚In Europa sind die Leute einsam wie Planeten.‘ (Seite 61)



Calvin ist ein ... schwieriger Charakter. Mit anderen Worten: Er ist ein Neo-Nazi und das sorgte dafür, dass ich eine sehr ausgeprägte Abneigung ihm gegenüber empfand, egal wie authentisch seine Gedanken geschildert wurden. Im Übrigen sorgte vor allem anfangs jeder zweite Gedankengang seiner nationalsozialitischen Scheiße dafür, dass ich ihm am liebsten eine verpasst hätte. Ich ziehe daher meinen imaginären Hut vor dem Autor, dass er es geschafft hat, so einen Charakter so authentisch darzustellen.
Im Verlauf der Handlung und mit den Geschichten Nuris beginnt dann Calvins Fassade zu bröckeln und dahinter kommt ein ganz anderer Charakter zum Vorschein. Er macht eine riesige Entwicklung durch, sodass es irgendwann tatsächlich möglich ist, Sympathie für ihn zu empfinden.

[D]ie Deutschen sind friedlich geworden, sie bringen nur noch ab und zu Ausländer um. (Seite 102)



Auf die anderen Charaktere will ich gar nicht groß eingehen, da das hier sowieso schon wieder viel zu lang wird, aber auch die sind alle sehr vielschichtig. Einige verachtens-, andere liebenswert. Viele mit Hintergrund. Und alle wirken sie real.
Der Schreibstil ist wunderschön und poetisch - und doch brutal, es sind Worte von einer wundervollen Grausamkeit.
Die Geschichte beruht auf Tatsachen, und doch mischt sich dazwischen etwas ansatzweise Fantastisches und natürlich könnte ich jetzt sagen, dass das nicht nötig war, aber das stimmt nicht, denn manchmal gelingt es Märchen am besten, Grausamkeit zu vermitteln.

Es ist kein Buch, das sich flüssig lesen lässt, was nicht am Schreibstil, sondern an der Geschichte liegt. Ich musste es immer mal hin und wieder beiseitelegen, am Anfang vor allem aufgrund des rechten Schwachsinns, weil ich sonst ernsthafte Wutanfälle auf diese Menschen bekommen hätte, später, weil der Autor es nicht gut mit seinen Lesern meint. Soll heißen: Das Buch hat mich fertig gemacht.
Es wird nicht umsonst ab 16 Jahren empfohlen, und ich würde es auch niemandem mit schwachen Nerven empfehlen (allen anderen dafür umso mehr - LEST ES!), denn es wird nichts beschönigt. Vor allem nicht der Krieg, der in seiner Brutalität dargestellt wird. Zwischendurch mischt sich auch ein leichter Zynismus in die Worte.
Doch es gibt auch einige unglaublich berührende Momente, dazu ist das Buch unglaublich emotional, mitreißend und bewegend geschrieben. Die Geschichte ist lebendig, ich wurde von den Emotionen überwältigt, von den Geschehnissen mitgerissen und das Buch hat mich eben einfach fertig gemacht. Und wenn die Gefühle dich durchzucken wie Elektroschocks, was vor allem in dem Zusammenhang ein pietätloser Vergleich ist, kannst du dir nicht mal sagen, dass es nicht real ist, weil es die Realität Tausender ist.

‚Helden sind Mörder.‘ (Seite 480)



Fazit: Ein emotionales, mitreißendes, berührendes und poetisches Buch, das mich fertig gemacht hat, voller Authentizität und wundervoller Grausamkeit!! Zwei grundverschiedene, sehr vielschichtige Protagonisten inmitten eines Bürgerkriegs und Neo-Nationalsozialismus, über die der Leser umfassend informiert wird.




Quelle Cover: Oetinger

4 Kommentare

  1. Was für eine treffende Rezension!
    Kann ich in allen Punkten unterschreiben :)

    Liebe Grüße ♥♥♥

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    1. Danke! :* Dabei war ich mir nicht mal sicher, ob man dieses Buch überhaupt in Worte fassen kann. :x

      ♥♥♥

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    2. Kann man nicht wirklich, denke ich :x Ähnliches Problem wie bei "Die unterirdische Sonne".

      ♥♥♥

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    3. Stimmt, den Vergleich hab ich auch schon gezogen. Wobei mich "Sommer unter schwarzen Flügeln" noch mehr mitgerissen hat als "Die unterirdische Sonne". :x

      ♥♥♥

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