Montag, 22. Februar 2016

Ladies first?

Neulich hat meine Deutschlehrerin in ihrem Unterricht eins ihrer irritierenden Unterrichtsexperimente ausprobiert. Wir sollten uns einen Stuhlkreis setzen - herzlich Willkommen in der Grundschule - und dann selbstständig, ohne Meldung, aufstehen, um Zettel zu einem Thema auf dem Boden anzuordnen. So weit, so unspektakulär.
Es waren also Freiwillige gefragt, die sich erhoben. Ich beschloss gerade, mich aufzuopfern, als der Junge mir gegenüber ebenfalls zum Aufstehen ansetze. Also gab ich ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er anfangen könnte und lehnte mich schon wieder zurück, als meine Deutschlehrerin meinte, ich würde dem Jungen doch jetzt wohl nicht den Vorrang lassen.
Da mir nichts anderes übrig blieb, stand ich auf, aber diese Aussage beschäftigte mich weiterhin. Wir leben in einer emanzipierten Gesellschaft, gilt Ladies first da überhaupt noch?

Ich denke des Öfteren über Feminismus und Gleichberechtigung nach. Generell bin ich vermutlich durchaus feministisch veranlagt und bin absolut dafür, dass Frauen gleichberechtigt behandelt werden. Aber das bedeutet nicht, dass dafür Männer benachteiligt werden dürfen. Wenn Gleichstellung, dann für beide Geschlechter.
Doch nachdem die Frauen in den letzten Jahrzehnten die Rechte erkämpft haben, auf die sie in meinen Augen ein Anrecht haben, während sie sich immer mehr aus der Rolle der unmündigen Hausfrau und braven Mutter gelöst haben, geraten wir immer mehr in einen Zwiespalt unserer Werte und der absoluten Gleichstellung.

Der Herr hält der Dame die Tür auf, er lässt sie vorgehen, er fordert sie zum Tanzen auf, er beschützt sie, er schlägt sie nicht, er bemüht sich in ihrer Gegenwart um gutes Benehmen ... ihr kennt das. Und seid mal ganz ehrlich, Mädels: Welche von euch steht nicht darauf, wie eine Dame behandelt zu werden? Aber - wer von euch möchte wirklich noch beschützt werden?
Welche Protagonistinnen mögt ihr lieber? Die, die beschützt werden müssen oder die, die sich sehr gut selbst beschützen können? Eine rhetorische Frage, Rezensionen sprechen für sich. 

Eine absolute Gleichstellung würde bedeuten, dass auch diese alten Verhaltensformen keine Bedeutung mehr haben dürften. Frauen dürften von Männern nicht bevorteilt behandelt werden. Es wäre egal, wer wen zum Tanzen auffordert, wer wem die Tür aufhält, wer Kleider trägt, wer wen am Altar erwartet, wer wen beschützt, wer wem den Vorrang lässt. Das Problem? Das eckt sowohl beim weiblichen Stolz als auch bei dem männlichen Ehrgefühl an.

Wäre es nicht fair, dann alle Unterschiede zu beseitigen? Genaugenommen geht das gar nicht, denn körperlichen Unterscheide bleiben sowieso. Aber sollten dann wirklich alle anderen Unterschiede beseitigt werden? Oder sollten gewisse Verhaltensformen beibehalten werden? Ab wann geht die Emanzipation der Frau in die Unterdrückung des Mannes unter?

Und während diese Fragen offen im (hier virtuellen) Raum stehen bleiben, denke ich doch, dass in einer emanzipierten Gesellschaft die Frau auch mal dem Mann den Vorrang lassen kann. Das hat nichts damit zu tun, dass sie sich ihm unterordnet, sondern dass sie ihn auch achtet (und dass sie in diesem Fall länger sitzen bleiben kann *hust*).
Denn das ist es, was das eigentliche Ziel ist: Dass beide Geschlechter das jeweils andere achten. 

Eure Dana

16 Kommentare

  1. Interessanter Post von dir. Habe mir neulich mal darüber Gedanken gemacht, weil ich als Vorbereitung für meine Deutschklausur einen Text zum Thema Gleichstellung von Mann und Frau analysieren musste. Und da bin ich auch zu zwiespältigen Antworten gekommen. Auf der einen Seite spricht man zwar von Gleichberechtigung aber wie du schon angesprochen hast wird das nicht in allen Sachen erwartet. Zum Beispiel auch beim Heiratsantrag. Da ist es doch noch eher vorzufinden, dass der Mann das macht als die Frau. Manche Sachen ändern sich halt (noch) nicht, aber ich finde das auch nicht in jeder Situation schlimm.

    Liebe Grüße
    May

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    1. Die Meinungen, wie weit man/frau noch gehen soll, gehen auch ziemlich auseinander, aber ich denke auch, dass sich Gleichberechtigung nicht auf alle Lebenslagen anwenden lässt. Und manchmal wollen es weder Männer noch Frauen - beispielsweise vermute ich mal, dass beim Heiratsantrag die Männer und Frauen auf ihr jeweiliges Recht beharren würden ... wobei das ja mittlerweile auch durchaus mal vorkommt. ^^

      Liebe Grüße :)

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  2. Spannendes Thema – Gleichberechtigung vs. "Ladies first"... Ich finde, du hast das schon ganz gut zusammengefasst und bist auf ein tolles Fazit gekommen.

    Ich hab kürzlich mal ein Zitat gelesen, frag mich bitte nicht mehr von wem, das hat genau diesen körperlichen Unterschied beinhaltet. Es lautete ungefähr so: "Es ist Quatsch, nach völliger Gleichheit zu streben, denn es wird immer so bleiben, dass Frauen die Kinder bekommen. Allein deswegen ist völlige Gleichheit nie erreichbar." Das sei mal so dahingestellt, wobei ich finde, das kann man mit dem mathematischen Limes vergleichen: Eine Funktion nimmt den Wert des Limes unter Umständen nie an, aber er nähert sich immer mehr. Warum soll das gleiche mit der Gleichheit nicht möglich sein?

    Um auf eure Deutschstunde zu kommen: Die Sache kann man auch anders auslegen. Nicht der Gentleman muss der Dame den Vortritt lassen, sondern die Frau soll sich nicht unterdrücken lassen und selbstbewusst vorangehen. Mal ganz extrem extremiert. Ich finde, in solchen Situationen sollte man die Geschlechter komplett rauslassen. Wenn mir jemand den Vortritt lässt, freue ich mich (oder auch nicht, je nach Situation :D), egal ob männlich oder weiblich. "Ladies first" kann ich mir nur mit einem Augenzwinkern vorstellen. Alles andere ist übertrieben.

    Liebe Grüße
    Lioba

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    1. Danke, ja, ein Thema, das immer wieder Diskussionen aufwirft.

      Das Zitat trifft irgendwie zu, denn so ist es ja. Die körperlichen Unterschiede werden sich kaum beseitigen lassen.
      Hier kommt dann offensichtlich die Mathematikerin durch. ;D Aber ja, man könnte sich vermutlich der Gleichheit annähern. Die Frage ist nur, ob das auch wirklich gewollt ist.

      Das denke ich auch. :D
      Auf der anderen Seite zeige ich einer anderen Person auch meinen Respekt, wenn ich sie vorlasse - egal, ob sie männlich oder weiblich ist.
      Daher ja, mit einem Augenzwinkern. Aber keineswegs mehr als Grundregel.

      Liebe Grüße :)

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  3. Ein sehr schöner Text, Dana, mit Fragen, über die man sich wirklich einmal Gedanken machen sollte. Du hast schon recht, in dem was du sagst und dem kann ich auch nichts mehr hinzufügen und will ich auch nicht. :)

    Liebe Grüße
    Nele

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    1. Danke, liebe Nele, es freut mich, dass ich deine Zustimmung erlangen konnte. ;)

      Liebe Grüße :)

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  4. Hallo liebe Dana,

    ein wirklich sehr schöner Post. ich glaube, dass eine absolute Gleichberechtigung niemals zu stande kommen wird, zumindest nicht in naher Zukunft. Aber auch ich finde das Gleichberechtigung, gleichberechtigung auf beiden Seiten ist. So würde ich in Berufen, wie Kindergärtner oder so was auch eine Männerquote einführen. Aber da streiten sich ja wirklich die Geister :D

    Liebste Grüße
    Anna

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    1. Hallo liebe Anna,

      Männerquote wäre mal eine Idee. xD Aber genaugenommen sollte jeder frei entscheiden können und solche Berufe sollten einfach attraktiver für BEIDE Seiten gemacht werden. Ohne klassisches Rollenideal. ^^

      Liebste Grüße :)

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    2. Wobei es Männer in "Frauenberufen" zum Teil schwerer haben als andersherum. Zum Beispiel gibt es Kitas, in denen männliche Erzieher keine Kinder wickeln dürfen, weil sie grundsätzlich unter Generalverdacht stehen, pädophil zu sein. Manchmal hab ich so das Gefühl, dass Frauen in unserer Gesellschaft vornerum "gehypet" werden, hintenrum aber jeder/die Männer/werauchimmer alles beim Alten lassen will/wollen.

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    3. Auf der anderen Seite leiden oft die Jungen darunter, dass sie keine Bezugsperson ihres Geschlechtes haben. :x
      Ja, das Gefühl habe ich auch. Wenn etwas mal ein bisschen unter die Linie der Gleichberechtigung gegen die Frau rutscht, gibt es groß Geschrei, aber jede Ungerechtigkeit gegen Männer wird ignoriert.

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  5. Hallo Dana,

    du wirfst da ein paar interessante Fragen und Thesen in den Raum.

    Du hast recht - solche Verhaltensformen wie "Ladies first" oder dass der Mann der Frau die Tür aufhält, dass der Mann die Frau zum tanzen auffordert etc. Dass, wenn diese Verhaltensformen nicht eingehalten werden, dass am "weiblichen Stolz" oder "männlichen Ehrgefühl" kratzt, stimmt auch. Leider stützt dieses Bild von einem Mann als Kavalier auf einem patriarchalischen Weltbild. Ich finde, dass muss aber mein Grund sein sie gänzlich abzuschaffen. Klar möchte ich, dass man mir die Tür aufhält. Aber nicht weil der Typ denkt, dass ich es nötig habe, weil ich zufällig eine Frau bin. Ich möchte, dass man mir die Tür aufhält, weil man nett zu mir ist. Klar hoffe ich, dass man mich zum Tanzen auffordert, aber vielleicht weil ich schüchtern bin und einen Ruck brauche. Nicht, weil die Regel besagt, der Mann muss die Frau auffordern, weil er ein Mann ist und sie eine Frau.

    Diese Vorstellung geht heute sowieso nicht gänzlich auf, da wir nicht mehr in einer stark dominierenden heterosexuellen Gesellschaft leben (also, dominierend schon - leider - aber immerhin sind wie [Gott sei Dank] offener deswegen geworden). Es ist eben schwierig, aus dieser Rollenvorstellung rauszuwachsen, das wird wohl einige Generationen für brauchen. Was deine Lehrerin sich dabei gedacht habe, weiß ich nicht. :D Ich fand ihren Kommentar allgemein einfach unangebracht, egal, ob sie ihn positiv oder negativ meinte.

    Toller Beitrag :)

    LG ♥
    Sanne

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    1. Hallo liebe Sanne,

      ich überlege ja immer noch, wie unsere Welt wohl aussähe, wenn sie sich auf eine matriarchalische Gesellschaft stützen würde. xD
      Klar sind solche Verhaltensweisen irgendwie ganz nett, Stichpunkt Ehrgefühl und Stolz, aber gleichberechtigt sind sie nicht. Und ich halte auch gerne mal die Tür auf, selbst wenn dann ein Junge durchgeht. (Wobei ich mich beim Tanzen vermutlich ähnlich verhalten würde wie du. xD)
      Gut, vielleicht sind gerade beim Paartanz strikte Rollenzuteilungen insofern sinnvoll, als dass hier davon ausgegangen wird, dass beide Geschlechter ein Paar bilden und das Erlernen durch klare Rollenzuteilungen einfacher ist. Dennoch sollte das nicht darauf beruhen, dass das eine Geschlecht dem anderen etwas voraus hat. Und wenn man dann mal als zwei Mädchen/ Jungen tanzt, sucht man es sich dann eben aus - sowas habe ich auch schon gemacht. ^^
      Auf jeden Fall ein kontroverses Thema und keins, das sich leicht beantworten lässt, spätestens, wenn es um körperliche Vorteile geht.
      Aber ich denke auch, dass es noch einige Generationen dauern wird, um solche alten Verhaltensnormen und Vorurteile zu überwinden.

      Ganz liebe Grüße ♥

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  6. Huhu liebe Dana,

    ein wirklich sehr schöner Beitrag :) Und ich kann dir in allen Punkten zustimmen. Natürlich fühlt man sich als Mädchen toll, wenn Jungs höflich zu einem sind, hin und wieder Komplimente von sich geben, so dass man breit grinsend und bis zu der Kopfhaut rot angelaufen dasitzt. Und natülich ist es auch ein schönes Gefühl, wenn er sich um das Mädchen sorgt, nach ihrem Befinden fragt: einfach das volle Programmm. Wer freut sich nicht über einen Gentleman? Auf dieser Seite kann die Geste der Männerwelt ein Lächeln auf unsere Lippen zaubern und wir fühlen uns vielleicht auch wohl, ein wenig mehr Anerkennung zu bekommen. Aber wie du schon sagst, stellt sich natürlich die Frage, ob die Gentlemen von der Emanzpation der Frau überrannt werden.

    Genau wie du, bin ich absolut für Gleichberechtigung. Ich selber mach es auch oft so, wenn ich nicht möchte, dass der Junge mir die Tür auffällt, dass ich sie ihm aufhalte, nur so als Beispiel. Ich nehme an, dass die Emanzipation der Frau nicht darin besteht, sich in der Höflichkeit des Mannes zu wühlen. Beide Geschlechter sollen sich die Anerkennung geben, die sie verdienen und nicht die Frauen, die ja ach so schwach sind, und ständig vom starken Mann beschützt werden. Ich hoffe es ist so einigermaßen verständlich, was ich damit zum Ausdruck bringen wollte ;)

    Liebe Grüße, Caterina

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    1. Hallo liebe Caterina,

      ich denke, du hast Recht.
      Egal, wie sehr wir von uns behaupten, dass wir Gleichberechtigung wollen, die meisten Mädchen finden es trotzdem toll, wie eine Dame behandelt zu werden. Und gerade im Zuge der Gleichberechtigung wird oft laut gefordert, dass auf die Frauen Rücksicht genommen wird.
      Die Frage ist nur, wo ist die Grenze. Ab wann bedeutet Gleichberechtigung wieder die Benachteiligung eines der Geschlechter? Und ich schätze, da gibt es keine klare Linie.
      Daher denke ich, dass es vor allem um das gehen sollte, was auch du betonst: Anerkennung zwischen den Geschlechter. Und die Bemühung, keins zu benachteiligen.

      Liebe Grüße

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    2. Liebe Dana,

      ich denke, da sind wir Frauen einfach so veranlagt, dass wir uns wohlfühlen, wenn wir einer Dame gerecht behandelt werden.

      Mittlerweile braucht man gar nicht mehr sagen - jedenfalls hier in Deutschland - das Frauen gleich behandelt werden sollen. Wir in Deutschland haben im Gegensatz zu anderen Ländern, als Frauen und Mädchen das Recht zur Schule zu gehen, den Führerschein zu machen, zu studieren und ja auch Berufe ausüben, die eigentlich nur von Männern ausgeübt werden. Deshalb bin ich wirklich froh, dass Deutschland all das in die Wege geleitet hat. Auch haben wir Frauen das Wahlrecht, was heutzutage in manch Hinterwäldlerischen Ländern nach wie vor verboten ist. Ich sage nur Saudi-Arabien.

      Ich finde es gut, dass wir hier als normale Bürger anerkannt werden und nicht nur zur Kinderumsorgung dienen. Wir haben das Recht auch als Frauen arbeiten zu gehen und nicht nur als Hausfrau dienen und ich finde, da sind wir manchen Ländern um einiges voraus.

      Liebste Grüße, Caterina

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    3. Liebe Caterina,

      sind wir wirklich so veranlagt, oder sind wir es so gewohnt/ bzw. dazu erzogen worden? ^^

      Stimmt, Deutschland ist da ziemlich vorbildlich, weshalb ich froh bin, hier zu leben, dennoch denke ich, dass es immer noch verbessert werden kann. Allerdings sollte der Fokus trotzdem erst mal auf den Ländern liegen, in denen Frauen noch gar keine Rechte haben.
      Dies allerdings auch oft kulturbedingt - dennoch, das war in unserer Kultur einst nicht anders, und wir haben es auch geschafft, diese Vorstellungen zu revolutionieren.

      Liebste Grüße

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