Mittwoch, 16. März 2016

[Rezension] Unser wildes Blut

„Meinst du“, fragte sie leise, „dass es etwas wie eine Sternenliebe geben kann?“ Er blickte sie fragend an.
„Na eine Liebe, die schon tot geboren wird. Die auch nicht die kleinste Chance kriegt, obwohl sie leben will.“ (Seite 22)



Autoren: Wolfgang Schnellbächer & Nur Öneren
Verlag: cbt
Seiten: 288
Erscheinungsdatum: 22.02.2016
ISBN: 978-3-570-16383-2
Gebunden mit Schutzumschlag; 14,99€










Es ging um nichts Geringeres, als dass ein Junge ein Mädchen lieben darf, ganz egal, für wie unwürdig er in ihrer Welt erachtet wird. (Seite 81)


Inhalt:

Alex verliebt sich in seine Mitschülerin Aysel. Doch diese Liebe darf nicht sein, denn sie ist eine Muslima und muss einen Muslimen heiraten - die Liebe zu einem „Deutschen“ wie Alex gilt als unrein.
Als Aysels Zwillingsbruder Ilhan von der zaghaften Liebe zwischen den beiden erfährt, sieht er die Ehre seiner Schwester bedroht und beginnt, darum zu kämpfen. Die Liebe erscheint aussichtslos, doch Alex weigert sich aufzugeben ...

Zwischen uns liegen ein Glaube und eine Welt und nichts ist einfach und klar. (Seite 165)

Äußere Erscheinung:

Erst mal: Der originale Klappentext nimmt ein bisschen was vorweg.
Den Titel finde ich passend, zum einen wird er aufgegriffen im Buch, zum anderen lässt er sich als Metapher für den ganzen Konflikt zwischen der aufgebehrenden Liebe und dem wütenden Verteidigen der Ehre deuten.
Das Cover wirkt wie eine Inschrift auf Holzbretter, wie an einem geheimen Treffpunkt - was ja auch passen würde.

Meine Erwartung:

Das Buch hat mich angesprochen, da mich die Thematik interessiert. Ich hatte mich für ein Exemplar bei der Leserunde auf Lovelybooks beworben, aber nicht gewonnen. Kurze Zeit später entdeckte ich jedoch eine Nachricht von dem Autor in meinem Posteingang, dass ich bei einer Verlosung übrig gebliebener Exemplare gewonnen hätte - ich habe einen halben Freudensprung gemacht!
Daher an dieser Stelle vielen Dank noch mal für das Buch an Wolfgang Schnellbächer!

Meine Meinung:

Was das Buch besonders auszeichnet, ist, dass es mich unheimlich zum Nachdenken angeregt hat.
In dem Buch werden beide Kulturen mehrfach kritisiert, sowohl die westliche als auch die islamische. Gerade als westlich erzogener Mensch stößt das Verhalten von Aysels Familie auf ein gewisses Unverständnis. Die Intoleranz gegenüber der Liebe zu anderen, die strikten Regeln und die radikale Art, gegen diese Liebe vorzugehen - ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass mich das nicht schon ein wenig schockiert hätte.
Umso unverständlicher hier auch die Doppelmoral, denn während die Clique um Ilhan einerseits alles tut, um die Ehre eines muslimischen Mädchens zu schützen, betrachten sie doch andererseits deutsche Mädchen als Beute und machen auch gerne mit ihnen rum.
Auf der anderen Seite konnte ich teilweise aber auch die Kritik an unserer Kultur verstehen. Nicht alles, aber manches. Und so kreisten meine Gedanken auch, wenn ich nicht las, um die Frage, welche Werte richtig sind und ob man das überhaupt so genau sagen kann. Und wie man diese Kulturen in Einklang bringen kann.

Die Charaktere habe ich als sehr vielschichtig und authentisch empfunden. Es gibt hier keine perfekten Charaktere, sie wirken lebensecht mit Ecken und Kanten.
Der tiefgründigste Charakter von allen ist jedoch Ilhan. Auf der einen Seite vertritt er die Überzeugung, die Ehre seiner Schwester schützen zu müssen, er verachtet teilweise die deutsche Kultur und sieht Alex als seinen Feind. Er macht mit Emmelie rum und verachtet sie dafür. Doch auf der anderen Seite verbirgt sich in ihm auch nur ein verletzlicher Junge mit Schwächen.
Im Verlauf des Buches gerät er immer mehr in einen Konflikt, einen Konflikt zwischen der Bestrafung seiner Schwester für die unreine Beziehung und der Liebe zu ihr, vor allem aber in einen Konflikt zwischen den Kulturen. Manchmal kommen im Zweifel, er fühlt sich von seiner Schwester verraten und wirkt in einigen Szenen geradezu verloren.
Und so kam ich trotz allem, was er tat, was mir unverständlich erschien, nicht umhin, Sympathie, ja, manchmal fast Mitleid, für ihn zu empfinden. Was mir nur zeigt, wie sehr es den Autoren gelungen ist, einen vielschichtigen Charakter zu entwickeln.

Dagegen wirken Alexander und Aysel fast schon blass. Doch auch Alex besitzt Ecken und Kanten. Einerseits ist er in Aysel verliebt und würde alles für sie tun, andererseits setzt er sich manchmal auch rücksichtslos über vieles hinweg, um diese Beziehung zu ermöglichen und ist somit definitiv nicht perfekt. Er entwickelt sich in dem Buch weiter, findet Stärke, seinen Willen durchzusetzen, nachdem er anfangs auch durchaus schwächere Momente hatte. Dennoch hätte ich mir gewünscht, noch ein bisschen mehr über ihn zu erfahren.
Aysel steht in dem Konflikt zwischen ihrer Familie und der Anziehung zu Alex. Das Buch wird abwechselnd aus den Sichten von Ilhan und Alex erzählt, sodass man keinen direkten Einblick in ihre Gedankenswelt bekommt, dadurch ist man sich wie Alex und Ilhan nie sicher, was sie denkt. Ihr innerer Konflikt wurde sehr deutlich, doch auch hier hätte man mehr aus ihrem Charakter machen können.
Über die Nebencharaktere erfährt man wenig, dennoch ist auch hier eine gewisse Vielschichtigkeit erahnbar.

Zwischendurch gibt es immer mal kurze Episoden, die später geschehen, was durchaus eine gewisse Spannung weckt. Allerdings waren diese Zeitsprünge nicht ganz deutlich.
Der Schreibstil selbst ist leicht poetisch und fesselnd, die Seiten flogen nur so vorbei und ich musste aufpassen, um nach den Abschnitten anzuhalten, damit ich meine Meinung posten konnte.
Am Anfang hätte man noch ein bisschen mehr Wert auf die Entwicklung der Liebesgeschichte legen können, dafür wurde im Mittelteil deutlich, wie sich alles langsam entwickelte und steigerte. Zum Ende hin wurde das Ganze dann aber wieder ziemlich hektisch und sprunghaft. Auf den letzten Seiten wurden die Gedanken aber wieder sehr schön verdeutlicht und das Ende enthält eine gewisse Symbolkraft.

Fazit: Eine zum Nachdenken anregende Geschichte einer verbotenen Liebe zwischen zwei Kulturen mit vielschichtigen, lebensechten, manchmal aber auch blassen Charakteren, die teilweise ein wenig sprunghaft war, bei der die Seiten aber letztendlich nur so dahinflogen





Vielen Dank an die Autoren!


Quelle Cover: cbt

2 Kommentare

  1. Hallo,
    Ab welchem Alter würdest du das Buch empfehlen?

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    1. Hallo, ich tue mich immer ein bisschen schwer mit Altersempfehlungen, weil ich von mir selbst weiß, dass ich früh Bücher gelesen hab, die eher Älteren empfohlen sind.
      Ich denke, bei diesem Buch läuft viel darauf hinaus, dass man die Hintergründe versteht, d.h. dass die Liebe aus kulturellen Gründen unmöglich sind und die dadurch resultierende Ablehnung der Familie. Wenn man diese kulturellen Unterschiede nicht versteht, dürfte es schwer fallen, die Problematik zu begreifen.
      Wie erwähnt benutzt Ilhans Clique deutsche Mädchen auch für Sex, was aber nicht im Detail beschrieben wird.
      Der Verlag empfiehlt es ab 14 Jahren und dem würde ich grob betrachtet zustimmen. :)

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