Donnerstag, 25. August 2016

[Rezension] Die Attentäter

Aber vermutlich hatte er es vergessen, vermutlich verwahrte nur ich all diese kleinen Erinnerungsfetzen in mir wie Juwelen. Schwarze Juwelen, die ein gefährliches Funkeln an sich hatten, da war ein ganzer Berg von ihnen, durch den ich mit den Fingern fuhr, wenn ich alleine war. Jeder der Erinnerungsjuwelen trug das Gesicht des Menschen, dem ich folgte. Und ich schnitt mich an ihnen, wenn ich sie durch meine Finger gleiten ließ, bis das Blut über meine Finger lief. (Seite 9)
„Er glaubt, er könnte die reine Dunkelheit sein. Und ich das reine Licht. Er hat mal so was gesagt. Aber das stimmt nicht. Niemand kann etwas Reines sein.“ (Seite 105)




Autor: Antonia Michaelis
Verlag: Oetinger
Seiten: 448
Erscheinungsdatum: 22.08.2016
ISBN: 978-3-7891-0456-5
Gebunden mit Schutzumschlag; 19,99€


Inhalt:

Dies ist die Geschichte dreier Menschen, die zusammen aufgewachsen und miteinander verbunden sind, ob sie es wollen oder nicht. Alain, der Engel mit dem Licht. Cliff, in dem die Dunkelheit lebt. Und Margarete, die Bodenständige, die Verbindung zwischen den beiden Jungen, die grundverschieden sind und doch von aneinander angezogen werden. Alain, der an das Gute in Cliff glaubt. Cliff, der ihn immer von sich stoßen will, um nicht doch vom Licht angezogen zu werden.
Doch dann schließt sich Cliff dem IS an. Und danach ist nichts mehr wie es war. Aber Alain weigert sich, Cliff aufzugeben ...

Äußere Erscheinung:

Die äußere Gestaltung ist wieder mal absolut passend und toll gemacht. Die grünen Schwingen auf dem Cover spielen in dem Buch eine zentrale Rolle, und wenn man den Schutzumschlag abmacht, findet man dort eine Explosion vor - sehr treffend.

Meine Erwartung:

Ich habe bisher jedes Buch von der Autorin geliebt, und vor allem liebe ich ihren Schreibstil. Auch an ihrem neuen Buch wollte ich nicht vorbeigehen und sobald ich es in der Vorschau entdeckte, landete es auf meiner Wunschliste, zumal mich die absolut aktuelle Thematik ansprach. Dann habe ich es auf Vorablesen gewonnen - danke dafür!

Meine Meinung:

Ich fange einfach mal mit dem herausragenden Schreibstil der Autorin an. Anders als bei anderen Werken von ihr ist man sich hier immer sicher, was real ist und was nicht, doch das ändert nichts daran, dass das Kunst ist.
Ich glaube, ich habe rhetorische Mittel nie wirklich gemocht - bis ich das erste Buch von Antonia Michaelis gelesen habe. Sie verwendet Vergleiche, Metaphern, Wortspiele, auf so magische Weise, dass ästhetisch eine Untertreibung wäre. Ich habe langsamer gelesen als sonst, jedes einzelne Wort auskostet - trotz der eher grausameren Thematik. Es lag ein seltsamer Widerspruch zwischen dieser und der Schönheit der Sprache, der aber keineswegs deplatziert wirkte, im Gegenteil. Denn es gibt auch schöne Bereiche in diesem Buch, manche, die mein Herz erobert haben.

Aber auch abgesehen von der Wortwahl hebt sich der Stil deutlich von der Masse ab. Das liegt auch an den Sichtwechseln: Deutlich gemacht durch Abschnitte wird zwischen den Perspektiven gewechselt, vor allem zwischen Alain und Cliff, aber auch kurze, briefähnliche Passagen von Margarete, auf die ich später nochmal eingehe. Letztere sind immer aus der Ich-Perspektive, doch bei den Jungen wird scheinbar willkürlich zwischen dieser und dem Er-Erzähler gewechselt.
Ich glaube, ich wäre entsetzt gewesen, wenn ich das vorher erfahren hätte, weil ich sowas normalerweise überhaupt nicht mag. Komisch, wie Sachen, die mich sonst stören, hier nur den Stil untermauern. Denn ich war nicht verwirrt, im Gegenteil, ich schaffte es erstaunlich schnell, mich zu orientieren, und auch das macht die Geschichte nur noch mehr zu einem Kunstwerk und verdeutlicht den Flickenteppich, mit dem man die Erzählweise vergleichen kann.

Ausgehend von der Gegenwart dominieren anfangs Rückblicke, immer wieder durchbrochen von Einschüben aus dem aktuellen Geschehen, bis sich das Verhältnis dann umdreht. Dadurch wird von Anfang an die Beziehung zwischen den dreien erklärt und gezeigt, was sie zu den Menschen werden lassen hat, die sie heute sind. Somit war von Beginn an Tiefe vorhanden.
Lange Zeit wird einfach nur erzählt und die Teile aus den Leben zu einem Gesamtbild zusammengesetzt. Auch wenn die Rückblicke anfangs chronologisch wirken, werden manche Details ausgelassen und erst später erwähnt. Somit spielt besonders die Beziehung zwischen den Charakteren eine wesentliche Rolle.
Nichtsdestotrotz ist die Geschichte sehr fesselnd, getragen von den wunderschönen Worten. Sie zog mich in den Bann, auch wenn das Buch sich nicht einfach mal eben so weglesen lässt - gerade aufgrund der Thematik.

Dieses Buch ist die Geschichte dreier Menschen, die untrennbar miteinander verstrickt sind. Die Autorin schafft es, den Charakteren schon auf wenigen Seiten Leben einzuhauchen. Dadurch, dass wir nahezu ihre gesamten Leben und ihre Vergangenheit kennenlernen, sind sie mehr als tiefgründig und vielschichtig. Die Gründe für ihr Verhalten werden nicht dargelegt, sondern anschaulich gezeigt, ihre Entwicklung beschrieben, ihre Ängste, Sorgen, Probleme, aber auch Wünsche und Freuden dargestellt, sodass sie absolut lebendig sind.
Die Passagen aus Margaretes Sicht sind Rückblicke, die wie Briefe aus der Zukunft wirken, ohne irgendetwas vorwegzunehmen - aber genug, um die leise, fesselnde Spannung zu intensivieren. Sie ist das Verbindungsglied zwischen den Jungen, die pragmatische Bodenständige. Der Fokus liegt auf den Jungen, im Vergleich zu denen mag sie blass wirken, dennoch wirkt sie nicht überflüssig.

Im Vordergrund steht immer wieder diese Gegenüberstellung dunkel - hell. Cliff - Alain. Anfangs wirken diese noch strikt getrennt, doch im Verlauf wird immer deutlicher, wie sehr die Grenzen verwischen und ineinander übergehen. Es ist beeindruckend, wie diese Trennung im Vordergrund steht und auf die Charaktere angewandt wird, während gleichzeitig gezeigt wird, dass es im Leben nicht Gut und Böse gibt. Denn ich hatte immer mal wieder Mitgefühl für Cliff. Sympathie. Und gerade aufgrund seiner schweren Erfahrungen als Kind schloss ich ihn insgeheim ins Herz und hatte deswegen vermutlich genau wie Alain Probleme damit, seine Entscheidung als mehr oder weniger erwachsener Jugendlicher zu akzeptieren.
Auch dass Alain immer mit einem Engel und Cliff immer mit Schatten assoziiert wird, verdeutlicht die Gegenüberstellung der Jungen. Nichtsdestotrotz verbindet die beiden eine enge, und mehr als berührende Beziehung, die mein Herz eroberte. Beide haben ein herausragendes Zeichentalent, sodass dies auch eine gewisse Rolle spielt.
Die beiden wollen sich meiden und werden doch immer wieder voneinander angezogen. Von der ersten Seite an wünschte ich mir flehentlich, Cliff würde ins „Licht“ zurückfinden, weil es so viele Seiten an ihm gibt, die es wert sind, gerettet zu werden.

Natürlich werden aktuelle Themen wie Pegida oder die Anschläge von Paris aufgegriffen, und natürlich der IS. Die Gründe dafür, sich diesem anzuschließen, werden nachvollziehbar dargestellt - ich meine, die Kritik an dem Konsum des Westens ist schon irgendwie verständlich. Diesen deswegen gleich als Feind zu betrachten, der vernichtet werden soll, weit weniger. Dennoch - gerade bei solchen Themen halte ich es für wichtig, dass man sie ansatzweise nachvollziehen kann, und das ist der Autorin gelungen.
Letztendlich hat mich das Buch fertig gemacht. Es hat mich mitgerissen und mitgenommen zurückgelassen - und gehört eindeutig zu den besten Büchern dieses Jahres!

Fazit: Wunderschöne Sprache mit herausragender Wortwahl und einem Stil, der aus der Masse heraussticht; eine aktuelle Thematik, die nachvollziehbar dargestellt wird; äußerst tiefgründige, lebendige Charaktere, die Gründe für ihre Handlungen und Gedanken werden nachvollziehbar dargestellt - eine sehr fesselnde Geschichte, die mein Herz berührt und mich komplett mitgenommen hat!





Vielen Dank an den Verlag und Vorablesen!


Quelle Cover: Oetinger

2 Kommentare

  1. Huhu ^^

    ui, das ist mal eine amtliche Schwämerei... äh Rezension. Whatever xD.
    Hihi, ich mag die Autorin auch ganz gerne, habe zwar bisher nur ein Buch von ihr gelesen, aber das wird dich hoffentlich noch ändern. "Das Institut der letzten Wünsche" von ihr wartet noch auf meinem SuB. Und danach wird sicherlich auch irgendwann dieses hier dran kommen, denn das klingt richtig gut ^^. Landet also erstmal auf der Wunschliste. Danke fürs Anfixen ;D.

    Liebe Grüße
    Insi Eule

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    1. Hallo liebe Insi Eule,

      ja, ist ein bisschen ausgeartet. xD Merkt man auch gaaar nicht, wie begeistert ich von dem Buch war bzw. immer noch bin. ;D
      Ich liiiebe den Stil der Autorin, wobei ich "Das Institut der letzten Wünsche" auch noch nicht gelesen habe - generell habe ich bisher eher ihre Jugendbücher gelesen, wobei man die eigentlich auch nicht so strikt in ein Genre einordnen kann.
      Ich kann dir dieses aber auf jeden Fall empfehlen, es ist ein wirkliches tolles Buch. ;)

      Liebe Grüße ♥

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