Montag, 21. Mai 2018

Die Leiden des jungen Werther


Tja. Wenn man sagt, dass man Goethe liest, dann erntet man in der Regel ziemlich irritierte Blicke. Verständlich. Der Grund dafür, warum ich zu diesem Buch gegriffen habe, war der Eindruck, dass es zu den Büchern gehört, die man mal gelesen haben sollte (und ja, mir ist bewusst, dass das ein sehr zweifelhafter Grunde ist, ein Buch zu lesen), die Tatsache, dass ich davon mal Auszüge in meinem damaligen Schulbuch gelesen hatte und gar nicht mal so scheiße fand, die Berümtheit in  Bezug auf den Werther-Effekt und die Meinung einer Freundin, die es eigentlich ganz gut fand.
Soweit dazu.

Meine Ausgabe hat dann auch nur knapp über 100 Seiten, sodass man zumindest das Gefühl hat, dass es sich recht schnell lesen lassen könnte.  Tatsächlich hält Goethe seine Ruf des verhassten verschnörkelten, geschwollenen, salbungsvollen Geschwafels. Oder mit anderen Worten: Dieses Buch ist aus dem 18. Jahrhundert und wahrscheinlich mit der Intention geschrieben worden, möglichst ästhetisch zu klingen - ach, es klingt halt einfach wie Goethe.
Was bedeutete, dass es ziemlich anstrengend zu lesen war und ich nicht selten einen Satz zwei- oder auch drei- oder viermal lesen musste, um eine Ahnung davon zu bekommen, was er mir damit ausdrücken möchte. Altertümliche Wortwahl, teils merkwürdige Grammatik und verschachtelte Sätze erschweren den Lesefluss erheblich. Andererseits hatte ich ja jetzt auch nicht vor, Goethe zum Einschlafen zu lesen.
Was dem Ganzen sehr entgegen kommt, ist die Tatsache, dass das eben ein Briefroman ist, der aus lauter Briefen Werthers an seinen Freund besteht (was der so antwortet, kann man sich maximal zwischendurch aus Andeutungen im nächsten Brief erschließen, meist aber eben gar nicht), und die gehen nur in Ausnahmefällen über zwei oder mehr Seiten. Das macht es leicht, ein, zwei Briefe zu lesen und dann wieder eine Pause zu machen, je nachdem, wie viel Lust man gerade hat.

Die Handlung. Also, vorweg, ich hatte gerade meine "Ich habe richtig Lust, Klassiker zu lesen"-Phase, deswegen gibt es hier auch keinen Ist-das-alles-scheiße-Post, sondern die nette Warnung, dass das uralt und von Goethe ist, verbunden aber mit dem Eindruck, dass es durchaus mal ein interessantes Leseereignis ist. 
Zwischendurch und gerade am Anfang hat mich auch unheimlich fasziniert, dass das zu der Zeit ja quasi ein Jugendbuch war und die Gefühle junger Menschen widerspiegeln soll - und in gewisser Weise, wenn man danach sucht, findet man das auch aus heutiger Perspektive noch darin.
Allerdings spiegelt das Buch natürlich auch stark den Zeitgeist wieder, was sich gerade in den haufenweise sexistischen Ansichten, der dezenten Verherrlichung einer beinahe-Vergewaltigung und das Denken in Ständen zeigt. Was ich aber wohl kaum kritisieren kann, weil ich schließlich zweiundhalb Jahrhunderte weiter bin.

Dennoch muss man vielleicht sagen, dass Werther einem gehörig auf den Keks gehen kann, weil er einfach dauernd viel zu überemotional ist. Er preist gerade am Anfang bis zum Abwinken die Herrlichkeit der Natur und wie seine Seele darin aufgeht und was noch nicht alles, rastet bei allem irgendwie emotionalen gleich aus, und zwar nicht nur in Worten. Wie oft der Typ irgendwas mit tränenüberströmten/-bedeckten/-benässten/o.ä. Gesicht tut, habe ich nicht gezählt. Man kann ja über die Stellung von Tränen in unserer Gesellschaft diskutieren, aber er wäre eindeutig als Heulsuse abgestempelt worden.
Und auch sonst war er schlichtweg immer unheimlich ... übertrieben. Selbst für das Thema des Buches, bei dem es ja im Endeffekt um Depression und Selbstmord geht - was wiederum interessant war, mal aus einer anderen Zeit mit einem anderen Verständnis einen Blick darauf zu kriegen. Aber dass der Junge immer gleich - sowohl im positiven als auch im negativen Sinne - so dramatisch werden muss ...

Handlungstechnisch nehm ich's jetzt einfach auch mal ziemlich vorweg, weil ich glaube jeder zu diesem Buch gespoilert ist. Was auch eigentlich nicht weiter tragisch ist. Von himmelhochjauchzend am Anfang gibt es dann irgendwo in der Mitte einen Cut zu zutodebetrübt und ansonsten verfolgt man quasi die Beziehung Werther zu Lotte und sein ganzes Innenleben. Mit Betonung auf letzterem. Wirklich Handlung sollte man hier eh nicht erwarten.

Fazit: Goethe halt.
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