Dienstag, 23. Juli 2019

[Buchvorstellung] American Gods


Autor: Neil Gaiman
dt.: American Gods
Verlag: Headline
Seiten: ca. 750
Erscheinungsdatum: 2013 (ursprünglich: 2001)
ISBN (meiner Ausgabe): 978-0-7472-6374-6
Taschenbuch


Inhalt:

Drei Jahre Gefängnis neigen sich dem Ende zu für Shadow. Er plant, in sein altes Leben zurückzukehren und keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch wenige Tage vor seiner Entlassung stirbt seine Frau Laura bei einem Autounfall und Shadow steht vor dem Nichts. Doch noch während seiner Heimreise bietet ihm der mysteriöse Mr Wednesday einen Job an - und der ist alles andere als gewöhnlich ...





Es gab mehrere Gründe, warum ich dieses Buch lesen wollte. Zum Einen mochte ich vor einem Jahr „The Sleeper and the Spindle“ von dem Autor sehr gerne und wollte mehr von seinen Büchern lesen, zumal diese oft verfilmt sind und sich einiger Berühmtheit erfreuen. So auch „Amercian Gods“, das es als Serie auf Amazon Prime gibt. Weil die Serie ganz gut klang und mich Mythologie ja sowieso immer anspricht, beschloss ich, das Buch zu lesen.

Hinweis: Ich habe die längere Version gelesen. Zum zehnjährigen Jubiläum haben Verlag und Autor eine Version herausgegeben, die 12000 Wörter länger ist als die erste und viele Passagen enthält, die in der ersten Ausgabe gekürzt wurden, womit Neil Gaiman aber anscheinend nie ganz zufrieden war. Meine Rezension bezieht sich also auf diese längere Ausgabe und ich konnte beim Lesen nicht unterscheiden, was in der ersten Ausgabe rausgefallen ist.

Ich glaube nicht, dass das ein Buch für jede*n ist. Es hat eine etwas ungewöhnliche und individuelle Erzählweise, mit der vermutlich nicht jede*r klarkommt – hier wie immer der Tipp, einfach mal in die Leseprobe reinzulesen.
Insgesamt ist das Buch sehr ruhig – was auch an dem Protagonisten liegt– und sehr ausschweifend. Ja, ich seh euer Augenrollen: „Klar, du hast ja auch die Ausgabe mit all dem, was der Verlag nicht ohne Grund rausgeworfen haben wird beim ersten Mal, bevor das so ein Erfolg wurde.“ Mag sein, aber ich glaube, das ist auch einfach generell der Ton. Wer actiongeladene Fantasy mit epischen Kämpfen und atemraubender Spannung sucht, ist hier jedenfalls fehl am Platz. Über viele Seiten passiert oft scheinbar nichts Aufregendes, man verliert sich ein wenig in Roadtrips, dem Treffen auf irgendwelche Gottheiten und Alltag, was jedoch eine Illusion ist. Wenn auch vielleicht etwas langsamer wird der Plot stets vorangebracht, und wenn man genauer reflektiert, gibt es durchaus einige Szenen, in denen was passiert – nur ist die Stimme des Protagonisten so ruhig, dass man eben nicht mit Herzrasen durch die Zeilen hetzt.

Shadow ist gerade aus dem Gefängnis herausgekommen und sein einziges Charaktermerkmal, so scheint ist, sind Münzentricks. (Die dafür aber immer wieder auftauchen und, für die, die es interessiert, auch hin und wieder erklärt werden.) Ansonsten ist Shadow aber so aussagelos und blass wie ... nun, ja, ein Schatten. Fast teilnahmslos erzählt er die Geschichte, lässt keine großen Emotionen durchscheinen, nimmt alles hin und begegnet den Dingen, die ihm widerfahren, quasi mit einem gleichgültigen Achselzucken. „Das ist ein Gott? Ach so.“ "Meine tote Frau sitzt auf meinem Bett? Dann ist das wohl so." Ein Roboter hätte das Ganze lebhafter erzählt.
Allerdings – und das ist der Punkt an dem Ganzen – ist das durchaus so gewollt. Es gehört quasi zu Shadows Charakter, dass er keinen hat, und das wird im Verlaufe der Story dann auch durchaus thematisiert. Nichtsdestotrotz muss man damit als Leser*in überhaupt erst mal klarkommen.

Das Thema der Götter wurde anders umgesetzt, als ich es erwartet hatte, was aber nicht zwingend schlecht ist. Im Gegenteil, ich fand es super interessant, dass man auch Gestalten abseits der bekannten Mythen kennenlernt – afrikanisch, zum Beispiel, oder slawisch. Mir wurde mal wieder bewusst, wie viele Mythologien es doch gibt, über die ich kaum was oder gar nichts weiß, insbesondere, was nicht-europäische Mythologien betrifft, was mich ein wenig beschämt werden ließ. Die Umsetzung ist hier eher ungewöhnlich, ich will aber da nichts weiter vorwegnehmen.
Ansonsten ist aber auch die Migration in die USA das zentrale Thema. Die verschiedenen Migrationsströme in die USA, unter Berücksichtigung ihrer oft menschenverachtenden Umstände (Stichwort Kolonialismus und Sklaverei), werden abgebildet, die vielen verschiedenen Herkunftskulturen thematisiert und ein bisschen zieht sich die Frage durch das Buch, was denn die moderne amerikanische Kultur jetzt ausmacht. Das wird auch durch Abschnitte verdeutlicht, die scheinbar von der Haupthandlung unabhängige kleine Geschichte an anderen Orten und/oder zu anderen Zeiten erzählen.

Man begegnet in dem Buch einer Reihe sehr eigentümlicher Charaktere. Und obgleich man viele  nur oberflächlich kennenlernt, hatte ich doch das Gefühl, dass sie einzigartig sind und eine gewisse Tiefe verbergen, dass sie alle irgendwie individuell sind.
Trotz der eher ruhigen Erzählart konnte mich das Buch aber auch fesseln, auf seine ganz eigene, subtile Art und Weise. Und auch einige Plot Twists gerade zum Ende hin vermochten mich persönlich zu überraschen.

Fazit: Ungewöhnlicher, sehr gelassener Erzählstil, der auch durch den gewollt teilnahmslosen Protagonisten erzielt wird, dennoch auf subtile Weise fesselnd. Dabei wird die Frage nach amerikanischer Identität gestellt und verschiedene, auch sonst eher weniger thematisierte Mythen sowie Migration in die USA spielen eine Rolle.


4 Kommentare

  1. Huhu Dana,

    das Buch steht ja noch auf meiner Wunschliste. Deine Rezension macht mich - auch wenn es ja ein etwas langatmiges Buch zu sein scheint - noch neugieriger. Besonders die verschiedenen Mythologien reizen mich. :D

    Schöne Grüße
    Alica

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    1. Hey Alica,

      ich glaube, wenn man sich auf den Erzählstil einlässt, auch wenn er etwas langatmiger ist, ist es ein interessantes Buch - ein wenig skurril, aber definitiv außergewöhnlich. ;)

      Liebe Grüße!

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  2. Hallo liebe Dana,
    ich habe von Neil Gaiman zwei Bücher gelsen. Niemalsland und Der Ozean am Ende der Welt. Ich mag seinen Erzählstil ja sehr. Seine Geschichten sind skurril. Und ja, ich glaube auch, dass man sowas mögen muss. Bei American Gods bin ich jetzt allerdings etwas skeptisch. Ich weiß nicht, ob ich auf so viele Seiten mit einer durchweg ruhigeren Geschichte Lust hätte. Ich kann mir allerdings auch gut vorstellen, dass dieser Schreibstil auch zugleich einen Kunstgriff darstellen soll. Aber ... ich weiß nicht. Ich glaube dann würde ich mir doch eher die Serie dazu anschauen. :o)

    Vielen Dank für diese sehr interessante und aussagekräftige Rezension <3

    Ganz liebe Grüße
    Tanja :o)

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    1. Hallo Tanja!

      Vielen lieben Dank für deinen Kommentar und deine lieben Worte! ♥

      "The Sleeper and the Spindle" ist bisher das einzig andere Buch, das ich von ihm gelesen habe (das ich auch definitiv empfehlen kann!), aber ich will auf jeden Fall auch noch weitere Werke von ihm lesen, ganz vorne dabei "Der Ozean am Ende der Straße".
      Bei "American Gods" könntest du auch zu der kürzeren Version greifen, ansonsten fand ich es wie gesagt auch durchaus fesselnd. Aber ich denke, dadurch, dass Neil Gaiman selbst an der Produktion der Serie beteiligt war, sollte die auch nicht schlecht sein - ich will definitiv mal reinschauen. ^^

      Ganz liebe Grüße zurück!

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