Sonntag, 14. Juli 2019

[Rezension] Nashville oder Das Wolfsspiel

Aber es muss klargestellt werden, dass sie zu keinem Zeitpunkt verliebt in ihn war, weder bevor noch nachdem all die Dinge geschahen, die geschahen, weder bevor noch nachdem sie die Wahrheiten wusste, die sie irgendwann erfuhr.
Wen Svenja wirklich liebte, sollte sich erst später herausstellen. (Seite 101)


 
Autorin: Antonia Michaelis
Verlag: Oetinger
Seiten: 480
Erscheinungsdatum: 30.07.2013
ISBN: 978-3-7891-4275-8
Gebunden mit Schutzumschlag; 17,95€
(Taschenbuch; 14,00€)


Klappentext:

Die achtzehnjährige Svenja findet in einer Abseite ihrer neuen Tübinger Studentenwohnung einen verwahrlosten, stummen 11-jährigen Jungen und nimmt ihn bei sich auf. Nach seinem T-Shirt-Aufdruck nennt sie ihn Nashville. Als eine Serie von Morden an Obdachlosen die Stadt in Aufruhr versetzt, wird Svenja unruhig. Hat Nashville, der immer wieder heimlich verschwindet, etwas damit zu tun? Bald schon merkt sie, dass nicht nur Nashvilles, sondern auch ihr Leben bedroht ist.


Äußere Erscheinung: 

Der Titel ist de facto der Name, den Svenja dem Jungen gibt. Auch der Untertitel ergibt im Verlaufe der Story Sinn. Außerdem finde ich es ganz cool, dass hier wie bei "Niemand liebt November" von der Autorin ein Gegenstand, der auf dem Cover des Schutzumschlages drauf ist, unter diesem verschwindet - in diesem Fall das Messer, was sehr gut zur Geschichte passt.

Meine Erwartung:

Bekanntermaßen gehört Antonia Michaelis zu meinen Lieblingsautor*innen, einfach, weil ich ihren Stil schon liebe. Und die Art, wie sie gleichzeitig gesellschaftspolitische Themen anspricht. Viele ihrer bisher von mir gelesenen Bücher wie das schon erwähnte "Niemand liebt November" oder "Die Attentäter" habe ich geliebt. Um dieses bin ich jedoch immer ein bisschen herumgeschlichen, auch aufgrund mancher eher negativer Stimmen. Andererseits ist mir aber auch bewusst, dass der Stil der Autorin nicht für jeden was ist, also wollte ich dem Buch eine Chance geben.

Meine Meinung:

„Nashville“ ist für mich persönlich nicht so gut wie die anderen Bücher von der Autorin, was es nicht zu einem schlechten Buch macht, denn aus der Masse der meisten Bücher sticht es immer noch problemlos heraus. Man merkt jedoch, dass sich der Stil der Autorin entwickelt hat.
Von Anfang an muss man sich einfach darauf einlassen, dass Svenja Nashville bei sich aufnimmt und nicht zur Polizei geht. Dass alle hinnehmen, dass eine Achtzehnjährige einfach so ein ihr zugelaufenes Kind aufnimmt. Das sind Handlungen, die gegen jede Vernunft laufen, aber nur wenn man sie einfach akzeptiert, kann man dem Buch auch eine Chance geben. Dabei hatte ich das Gefühl, dass dieses Buch einem im Vergleich zu anderen Bücher der Autorin noch sehr einfach macht, zwischen Vorstellung und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Natürlich zeigt sich aber auch hier der herausragende Schreibstil, allein schon generell in der Wortwahl und der Formulierung der Sätze. Diese sogen mich hinein in ihre poetische Melancholie. Das ist ein Stil, mit dem klarkommen muss, aber der auch einfach ziemlich cool ist, obwohl ich auch hier sagen würde, dass er in anderen Werken von ihr besser zur Geltung kommt. Aber vielleicht liegt das alles auch einfach daran, dass dieses Buch an sich einfach nicht ganz mein persönlicher Fall war und andere empfinden das ganz anders.

Das Ganze spielt in Tübingen im Sommersemester. Svenja ist dorthin gezogen und fängt ihr zweites Semester Medizin an. Der Autorin gelingt es dabei, diese Atmosphäre und auch ein bisschen die alltäglichen Sorgen von Studierenden spürbar zu machen, gerade auch die vom Anfang des Studiums. Svenja steht an einem Umbruch, weiß nicht so ganz, was sie will, genießt einerseits ihre neue Selbstständigkeit, ist aber auch andererseits davon überfordert, alles alleine klären zu müssen – und das alles noch viel mehr, da sie sich ja auch noch um Nashville kümmert. In gewisser Weise schwingt da eine Metaphorik mit, dazu, auszuziehen und eigenständig zu werden, und der Autorin gelingt es durchaus, diese Emotionen rüberzubringen.
Ansonsten ist Svenja aber, wie es auch zu dem Stil passt, recht naiv, leichtgläubig und verträumt, was nicht unbedingt schlecht ist. Wie gesagt, man muss mit dem Stil klarkommen, und der umschließt die Handlung ebenso wie die Charaktere.

Ein zentrales Thema des Buches ist allerdings Obdachlosigkeit. Durch den Stil wird dem natürlich eine gewisse romantisierende Seite verliehen, dennoch habe ich es als Abwechslung empfunden, dass diesem doch oft eher totgeschwiegenen, aber im Alltag in der Stadt stets präsenten Thema Beachtung geschenkt wird.
Was mir auch sehr gefallen hat, war, wie selbstverständlich mit LGBT+ umgegangen wird. Generell wird sehr offen mit dem Thema Sex umgegangen, ungewöhnlich für andere Jugendbücher, aber sehr authentisch. Liebesgeschichten spielen eine Rolle, spielen sich aber nicht dauernd auf störende Weise in den Vordergrund.

Ich versank beim Lesen ein wenig in dem düsteren, aber poetischen Stil, ließ mich von bildhaften Worten davontragen und von dem Sog, der durch die immer präsente unterschwellige Spannung entstand, mitreißen. Dabei weiß gerade das Ende noch mal zu schockieren und bleibt mit hoher Wahrscheinlichkeit in Erinnerung. Auch wenn ich manches schon vorhergesehen habe. Vieles enthält dabei Diskussionspotenzial und nicht alle Handlungen sind unproblematisch - aber ich glaube, das ist auch gewollt, um eben infragezustellen, zu schockieren und darüber nachzudenken.

Fazit:  Einige Handlungen sind nicht wirklich nachvollziehbar, trotzdem eine Geschichte im düsteren, poetischen und melancholischen Stil, die fesselnd Themen wie Obdachlosigkeit anspricht und passend zu diesem Stil eine eher naive, leichtgläubige und verträumte Protagonistin im Zentrum hat.




Quelle Cover & Klappentext: Oetinger

2 Kommentare

  1. So meine liebe Hamstertöterin. Nachdem alle toten Hamster spurlos (naja mehr oder weniger, ein paar Krümel habe ich gesehen!) verschwunden sind, habe ich mir gedacht, öffne ich doch mal wieder Blogger und spame dich voll (Hier den Emoji mit der Partytüte denken!). :D

    Nashville hat mich irgendwie noch nie so wirklich angesprochen. Der einzige Grund, warum es auf meiner Wunschliste steht ist, dass es von Antonia Michaelis ist. ♥
    Nach deiner Rezension weiß ich aber ehrlich gesagt nicht, ob es wirklich etwas für mich ist. Ich denke eher, dass ich es wohl doch wieder von meiner Wunschliste löschen werde. :D

    Hat man wohl auch selten bei ner positiven Rezension, dass ein Kommentator sagt: "Ah, ich schmeiße es doch von meiner Wunschliste " :D

    Liebste Grüße ♥

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    1. Ich finde es immer schön, wenn alle Spuren meiner Tat verwischt werden und ich weiter mein Unwesen treiben kann. *bösegrinsender Teufelemoji* Aber ich freue mich immer, von dir vollgespamt zu werden. :D

      Ja, ich glaube, das war auch der einzige Grund, warum ich es gelesen habe - weil es von Antonia Michaelis war. :D

      Hm, ja, schon etwas merkwürdige Schlussfolgerung. :'D Ich meine, es war defintiiv ein gutes Buch, aber in meinen Augen hat sie auch schon bessere geschrieben. ^^ (Ich muss übrigen unbedingt "Hexenlied" lesen, während ich mir komplett unschlüssig darüber bin, ob ich "Tankstellenchips" lesen will. :D)

      Allerliebste Grüße! ♥

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