Samstag, 20. Juli 2019

[Serien-Review] Flesh and Bone

Heute kommt mal ein etwas ungewöhnlicherer Post von mir - bis dato habe ich noch nie Filme oder Serien rezensiert, aber ich wollte das mit dieser Serie mal ausprobieren, da einige Gedanken dazu in meinem Kopf herumwirbelten. Zugegeben, ich habe sie bereits Anfang des Jahres geschaut, aber ich dachte mir, ich rede trotzdem mal über sie.


CW: Missbrauch, Sexueller Missbrauch, Drogen, Selbstverletzung, Essstörungen, Suizid, Inzest ... 

© Starz

Idee & Produktion: Moira Walley-Beckett
Regie: Alik Sakharov, Adam Davidson, Joshua Marston, Nelson McCormick, David Michôd, Sam Miller, Stefan Schwartz
Sender: Starz 
FSK: 16
Serie; Staffel 1; 8 Folgen (Laufzeit je etwa 1h)
USA 2015


Inhalt: Im Zentrum der Handlung steht Claire Robbins (Sarah Hay), eine junge talentierte Ballerina, die aus ihrem ärmlichen Elternhaus in Pittsburgh nach New York flieht, um dort einen Platz in der American Ballet Company zu finden und ihren Traum wahrzumachen, Ballerina zu werden. Der Chef der ABC, Paul Grason (Ben Daniels), lehnt sie zunächst ab, als er sieht, dass sie ihre letzte Ausbildung aus nicht ganz klaren Gründen abgebrochen hat, doch als sie ihn davon überzeugt, wenigstens vortanzen zu dürfen, ändert er seine Meinung. Claire wird reingezogen in eine Welt des Missbrauchs und auch ihre Vergangenheit holt sie letztendlich wieder ein ...



Soweit klingt die Handlung nicht anders als die Handlung so ziemlich fast jeder anderen Story, die irgendwas mit Ballett zu tun hat. Tbf, ich suche eigentlich selbst immer nach coolen Storys mit Ballett, da ich das selbst tanze, bin aber von dieser klischeehaften Handlung, in der ein Mädchen wegen ihres Talentes ihren scheinbar unmöglichen Traum, Ballerina zu werden, erfüllt, dann aber zwischen diesem und ihrer Liebe oder so steht, mehr als genervt. Somit hatte ich auch keine wirklich hohen Erwartungen. Aber ich lag gerade halbkrank im Bett und suchte eine Serie zum Zeitvertreib und schaute rein. Und wurde positiv überrascht.

Also, was heißt positiv. Diese Serie ist mit das düsterstes, was mir je untergekommen ist - an dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich "Black Swan" noch nicht gesehen habe und da keinen Vergleich ziehen kann. Sie ist brutal, sie grausam und sie ist so finster, dass ich persönlich die FSK nicht wie offiziell bei 16, sondern eher bei 18 Jahren angesiedelt hätte.
Ich verweise an dieser Stelle einfach mal an meine oben aufgelisteten Triggerwarnung und betone, dass ich da keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe. Denn diese Serie zeigt gezielt eine dunkle Welt des Balletts, eine Welt des Missbrauchs, der (Selbst-)Zerstörung, der Machtspielchen, eine kaputte Welt jenseits pinken Glitzerstaubs. Natürlich muss man dabei im Hinterkopf behalten, dass einige der Probleme durchaus real sind (Essstörungen, Leistungsdruck), aber - soweit ich das als jemand beurteilen kann, der diese Kunst nicht professionell ausübt - natürlich wird das hier auch überzogen, betont düster und betont kaputt dargestellt und natürlich hat Ballett auch sehr viele sehr schöne Seiten, die hier in den Hintergrund geraten.
Dem sollte man sich bewusst sein, wenn man an diese Serie herangeht. Ich kann auch empfehlen, sie nur zu gucken, wenn man starke Nerven hat und sich gerade psychisch stabil fühlt. Denn die Serie ist geprägt von Missbrauch, auf den verschiedensten Ebenen.

Das zeigt sich beispielsweise in dem Chef Paul, der unheimlich manipulativ, unheimlich aufbrausend und unheimlich launisch ist, seine Schüler gegen Aufstiegschancen sexuell missbraucht und auch seine Schülerinnen latent ausnutzt und mit ihnen spielt. Fassungslosigkeit und Hass waren nur einige der Gefühle, die ich ihm entgegenbrachte.
Innerhalb der Tänzer*innen selbst besteht ein enorm hoher Konkurrenzkampf, geprägt von einer giftigen Atmosphäre des Neids. Da wäre zum Beispiel Kiira (Irina Dvorovenko), die Primaballerina, die in Claire eine Gefahr sieht und mit aller Macht an ihrer Position festhält - und sich dafür mit Drogen vollpumpt. Oder Claires Mitbewohnerin Mia (Emily Tyra), von deren Seite Claire nichts als Hass entgegenschlägt.
Und dann Claire selbst, die eine unheimlich düstere Vergangenheit mit sich bringt und dadurch selbst psychisch ein wenig kaputt ist und sich immer wieder selbstverletzt. Und solche Szenen werden in ihrer brutalen Grausamkeit gezeigt - schon in der ersten Folge darf man mitansehen, wie sie ihren Zehennagel abnimmt, der sich beim Tanzen gelöst hat.

Claire wirkt oft unheimlich verletzlich und oft wollte ich sie in den Schutz nehmen, vor der grausamen Welt, der sie ausgesetzt ist. Überhaupt - vieles ist nicht unbedingt leicht anzusehen und zu verarbeiten, und immer wieder war ich aufs Neue schockiert von den Entwicklungen. Seid gewarnt: Das kann extrem runterziehen. Umgekehrt zeichnet es die Serie auch irgendwie aus, dass sie einen emotional so mitnehmen kann.
Vor allem aber sind die Charaktere allesamt unheimlich ambivalent, und das ist etwas, was ich an der Serie sehr mochte. Denn sie schafft es, allen eine Seite zu geben, auf der man ihre Handlungen fast nachvollziehen kann, auf der sie verletzlich wirkten und auf denen man mit ihnen fühlt. Ich war über mich selbst schockiert, als ich in der einen Szene plötzlich fast Mitleid mit Paul empfand, der so viele so unglaublich abartige Dinge tut und den ich sonst abgrundtief gehasst habe. Das muss man auch erst mal schaffen.
Und der Serie gelingt das bei fast jedem Charaktere, wenn auch natürlich in unterschiedlichem Maße und in verschiedenen Rahmen. Auch Claire selbst ist durchaus ein ambivalenter Charakter, deren Entscheidungen nicht alle so unschuldig sind, wie sie meist wirkt.

Wofür ich die Serie geliebt habe, war, dass sie tatsächlich von echten Ballerinen gespielt wird und keine Doubles eingesetzt werden, wie es meist der Fall ist. Das macht diese Serie unglaublich authentisch, denn gerade beim Ballett ist es schwierig, etwas nachzuahmen, wofür andere ihr Leben lang jeden Tag trainieren. Dadurch sind die Tanzszenen total authentisch und vor allem auch wunderschön anzusehen. Denn abseits der Brutalität und der Dunkelheit anderer Themen zeigt sich hier dann die Schönheit und die Eleganz dieser Kunst.

Überhaupt, die Ästhetik. Leute, ich bin schon allein komplett verliebt in das Intro und könnte es mir immer wieder angucken (wer neugierig ist - hier). Es ist so unglaublich ästhetisch und gut gemacht und super auf das Lied ("Obsession" - wie wahr) abgestimmt und drückt dabei auch noch so gelungen aus, worum es in der Serie geht. Hach.
Auch davon abgesehen zeichnet sich die Serie durch eine sehr gelungene Kameraführung aus, durch diese düstere Ästhetik auch in allen anderen Szenen zustandekommt. Dafür sorgt auch das oft sehr dunkle Bild mit vielen Schatten und wenig Farben.
Auch die schauspielerische Leistung findet ich im Großen und Ganzen sehr gelungen. Zugegeben, Claire wirkt sehr oft vor allem wie ein verschrecktes Reh, aber auch das passt durchaus zu ihrem Charakter. Und gerade dass die Ambivalenz der Charaktere so gut rüberkommt, spricht für die Schauspieler*innen.

Ansonsten ist die Serie mit acht Folgen auch recht kurz, eine zweite Staffel ist nicht geplant. Jede Folge ist dafür auch etwa eine Stunde lang, trotzdem ist es auch mal ganz schön, eine kurze Serie zu gucken, bei der man nicht die nächsten fünf Monate oder Jahre oder Jahrzehnte dranhängt. Gerade die letzte Folge konnte mich mit krassen Entwicklung noch mal so richtig schockiert zurücklassen. Ich habe einige Kritiken gelesen, die bemängeln, dass man der Serie anmerkt, dass sie angeblich länger geplant gewesen sei und daher etwas überhastet geendet hätte und einige Dinge nur angeschnitten hätte, kann diesen Eindruck aber nicht ganz teilen. Gerade die Tatsache, dass vieles offen bleibt, passt für mich zu der Serie - ich hätte auch kein rosarotes Happy End erwartet, bei dem alle glücklich mit ihren Einhörnern in den Sonnenaufgang reiten. 
Dabei ist es auch die Unvorhersehbarkeit, die diese Serie, die in ihrer groben Handlungszusammenfassung so vorhersehbar wirkt, ausmacht. Bis zum Schluss scheint alles möglich und immer wieder geschehen Dinge - oder Dinge werden enthüllt -, die ich nicht erwartet hatte.

Fazit: Unglaubliche düstere Miniserie über eine Welt des Missbrauchs im Ballett, die einen emotional stark mitnimmt und die dank unvorhersehbarer Wendungen und auch mit der Gewalt immer wieder schockiert. Durch gelungene Kameraführung und dem Casten echter Balletttänzer*innen entsteht aber auch eine dunkle Ästhetik und der Tanz kommt sehr authentisch rüber. Den Schauspieler*innen gelingt es, die Ambivalenz der Charaktere rüberzubringen, die, selbst wenn sie Dinge tun, für die man sie verurteilt und manchmal sogar hasst, auch verletzliche Seiten enthüllen, sodass man ihre Handlungen fast nachvollziehen kann.

8 Kommentare

  1. Huhu Dana,

    ich habe die Serie auch vor einiger Zeit (2 Jahre, gab es die da schon?) gesehen, und kann immer noch nicht sagen, ob ich sie mochte oder nicht. :D Ich fand es - wie du - klasse, dass sie wirklich professionelle Tänzer gecastet haben und die Tanzszenen fand ich auch wirklich grandios. Allerdings wurden mir ansonsten einfach zu viele Sachen angesprochen. Es gab keinen, ich betone nochmals, KEINEN einzigen Charakter, der salopp gesagt keinen Schaden hatte. Die eine hatte mit Essstörung zu kämpfen, der nächste vergewaltigt irgendwen, dann natürlich noch jemand Drogenabhängiges, und ich könnte ewig weitermachen. Klar soll das eine düstere Serie sein, und ja, mit Sicherheit haben einige Tänzer auch Probleme mit dem ein oder anderen, aber wirklich jeder einzelne? Das hat mich wirklich, wirklich gestört! :D

    Aber irgendwie war die Serie echt fesselnd, so dass ich sie wirklich schnell durch hatte. obwohl ich mir eigentlich nach jeder Folge dachte, dass ich nicht weitergucken werde, hatte sie wirklich Suchtotenzial. :D

    Ich schwebe also immer noch zwischen "Hilfe war das verstört" und "irgendwie hatte das was" und werde mich wohl nie für etwas entscheiden können.

    Und ja, das Intro ist richtig genial!

    Ich warte hier jetzt übrigens gespannt auf deine Serienrezension zu Avatar ♥

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Anna! ♥

      Da die Serie 2015 rauskam ... ich denke schon? :D

      Hm, ich weiß nicht, ich hatte das Gefühl, darum ging es eher in der Serie - eine kaputte Welt. Und ich meine, das hat sich ja auch alles irgendwie überlappt, es ist ja nicht so, dass Charakter 1 das hat und CHarakter 2 dann das und Charakter 3 das und alle treffen sich und haben unterschiedliche Probleme, sondern irgendwie teilen sie sich die alle und manche sind stärker betroffen. So, die eine ist extrem essgestört, aber irgendwie sind sie es ja alle, man denke nur an die Szene, in der die Empfangsdame einen Burger ist und im Hintergrund mehrere Mädchen mit einer Mischung aus Anwiderung und Verlangen/Neid zuschauen. Und dieses Netz aus Gewalt stellt dann eben Basis für die Handlung und die Atmosphäre.
      Wie gesagt, ich glaube auch nicht, das da ein Anspruch vorliegt, authentisch zu sein (das haben die Macher*innen, die anscheinend auch alle größtenteils mit Ballett was zu tun (gehabt) haben und Fans sind, auch selbst zurückgewiesen, sondern das bestehende Probleme (Essstörungen sind a thing, das Vollpumpen mit Medikamenten, um trotz Schmerzen zu tanzen, auch, und dass Misshandlung und sexualisierte Gewalt auch in Kunst ein verschwiegenes Problem sind, wissen wir seit #Metoo alle) dramatisiert und zusammeneführt und übertrieben dargestellt wurden, quasi ein Worst Case-Szenario über die düstersten Seiten des Balletts. Und gleichzeitig war das ja auch irgendwie eine Geschichte über Abhängigkeiten und Misshandlungen, und ich fand gerade dieses gesponnene Netz daraus, bei dem es irgendwie keine Hoffnung gab, so genial aufgebaut.
      Aber ja, klar, ein realistisches Bild zeichnet es nicht und es ist schon extrem von Störungen, Problemen und Misshandlungen geprägt.

      Ich habe am Anfang noch überlegt, wie schnell ich wohl von dem langen Intro genervt sein würde, und dann habe ich es geliebt, es mir anzusehen. :D

      Äh ... ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich das rezensieren werde? Mir fallen Film-/Serienreviews tendenziell deutlich schwerer, bei dieser hatte ich einfach unheimlich viel im Kopf, aber du würdest mir doch bestimmt zustimmen, dass Avataer keine hingeklatschte Halbreview verdient. ;P

      Löschen
  2. Na toll und wieder was auf der WatchListe, von dem ich nicht weiß, wann ich es gucken soll, aber es klingt soooo gut und wenn ich die Serie gesehen habe, kann ich dir auch einen Vergleich zu Black Swan geben ^^

    Vielen Dank für die Vorstellung, evtl hätte ich die Serie sonst nie gefunden!

    Sommerliche Grüße
    Vivka

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo liebe Vivka!

      Haha, es freut mich, dass ich dich überzeugen konnte! ;) Dadurch, dass es auch nur acht Folgen sind, ist es wenigstens auch keine Serie, für die man ewig braucht. Ich kann sie aber definitiv empfehlen, wenn man mit den düsteren Themen klarkommt!

      Ganz liebe Grüße!

      Löschen
    2. Ich mag es düster und durchaus auch brutal, also könnte es für mich perfekt sein, schauen wir mal =)

      Löschen
    3. Stimmt, dann klingt es wirklich, als könnte sie dir gefallen!

      Löschen
    4. Ich schaue sie gerade und ich liebe sie!!!

      Löschen
    5. Oh wie cool! Das freut mich mega - ich wünsche dir noch ganz viel Spaß! :D *o*

      Löschen

Nachrichten zaubern ein Lächeln ins Gesicht! ♥
Ich freue mich über jeden Kommentar, gebt einfach eure Meinung/ Kritik/ etc. zu dem Post ab. Ich antworte in der Regel auch. :)

-- Datenschutz: Mit dem Abschicken deines Kommentars erklärst du dich damit einverstanden, dass Daten von dir zwecks der Zuordnung des Kommentares verarbeitet und gespeichert werden. Von dir eingegebene Formulardaten (und ggf. personenbezogene Daten wie deine IP-Adresse) werden dabei an Google-Server übermittelt. Für weitere Informationen zur Datenverarbeitung s. Datenschutzerklärung und die Datenschutzerklärung von Google. --