Dienstag, 6. August 2019

[Buchvorstellung] Ich bin eure Stimme

 
Autorin: Nadia Murad
Übersetzer*innen: Ulrike Becker, Jochen Schwarzer & Thomas Wollermann
amerik. Originaltitel: The Last Girl. My Story of Captivity, and my Fight against the Islamic State (2017)
Verlag: Knaur
Seiten: 376
Erscheinungsdatum: 31.10.2017
ISBN: 978-3-426-21429
Gebunden mit Klappenbroschur; 19,99€
(Taschenbuch; 9,99€)


Klappentext:

Von der IS-Sklavin zur Trägerin des Friedensnobelpreises 2018: Das bewegende Schicksal der Jesidin Nadia Murad und ihr Kampf um Gerechtigkeit.
Am 3. August 2014 endet das Leben, wie Nadia Murad es kannte. Truppen des IS überfallen ihr jesidisches Dorf Kocho im Norden Iraks. Sie töten die Älteren und verschleppen die Jüngeren. Kleine Jungen sollen als Soldaten ausgebildet werden. Die Mädchen werden verschleppt und als Sklavinnen verkauft. An diesem Tag verliert Nadia Murad 44 Angehörige. Für sie beginnt ein beispielloses Martyrium: Drei Monate ist sie in der Gewalt des IS, wird Opfer von Demütigung, Folter, Vergewaltigung. Nur mit Glück und unvorstellbarem Mut gelingt ihr die Flucht vor ihren Peinigern. Sie schafft es in ein Flüchtlingslager und kommt von dort aus nach Deutschland.
Tausende andere junge Frauen befinden sich bis heute in der Gewalt des IS. Deren Stimme zu sein und sie zu befreien hat Nadia Murad sich zur Aufgabe gemacht. Heute kämpft sie dafür, dass das Verbrechen des IS als Völkermord anerkannt wird und die Verantwortlichen vor den Internationalen Strafgerichtshof gestellt werden.
Die Vereinten Nationen ernannten Nadia Murad zur Sonderbotschafterin, darüber hinaus wurde sie mit dem Vaclav-Havel-Preises für Menschenrechte ausgezeichnet. 2018 wurde sie mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Hier erzählt sie ihre bewegende Geschichte.



Ich habe mir auch dieses Buch spontan ausgeliehen und hatte daher auch keine wirklichen Erwartungen an dieses Buch, geschwiege denn Hintergrundwissen. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich bis dato kaum etwas über die Jesid*innen wusste und erst recht nicht über den Genozid, den der IS an ihnen verübt hat. Daran dürfte die Tatsache nicht ganz unbeteiligt sind, dass dieser in der öffentlichen Wahrnehmung generell kaum auftaucht. Dabei hat der IS unzählige Jesid*innen umbringen lassen und die Frauen verschleppt und versklavt. Dafür, das Schweigen aufzulösen und für die Rechte der Jesid*innen und der Anerkennung der an ihnen begangenen Verbrechen durch den IS zu kämpfen, dafür setzt sich Nadia Murad ein, die heute in Deutschland wohnt.

Diese Autobiografie ist ihre Geschichte. Die Geschichte, wie sie in einem kleinen Dorf im Norden des Iraks in einer jesidischen Gemeinschaft aufwuchs, wie der Großteil ihrer Familie ermordet wurde, wie sie vom IS versklavt wurde und schließlich floh.
Sie beginnt damit, ihren Heimatort zu schildern, und die Situation der Jesid*innen, die seit Jahrhunderten wegen ihres Glaubens verfolgt und als Spielball der Politik instrumentalisiert werden. Nadia Murad schildert, wie sie in einer Atmosphäre der stets präsenten Angst, aber auch inmitten einer Gemeinschaft in einem eher einfachen, ländlichen Leben aufwuchs, das sie geliebt hat. Sie gibt einen Einblick in die jesidische Kultur, in ihr Alltagsleben, und diskutiert auch die Fragen der Identität als Jesid*innen, die auf vernichtende Weise stets zentral waren. Somit lernte ich neben der Kultur der Jesid*innen auch die politische Geschichte des Iraks kennen, die mir bis dato kaum bekannt gewesen war, wie ich leider gestehen muss.

Nadia Murad schildert die vergebliche Hoffnung und die steigende Verzweiflung während der Belagerung ihres Heimatortes, ebenso wie die nachfolgenden Ereignisse, die so unmenschlich und grausam waren, dass es mir schwerfiel, das zu begreifen. Sie gibt den abstrakten Verbrechen und dem abstrakten Phänomen des IS ein Gesicht und ließ sie real werden. Waren sie bis dato fern und ungreifbar gewesen, wurde ich hier mit ihrer schonungslosen Realität konfrontiert. Ich war betroffen, schockiert, fassungslos, entsetzt ... gibt es Worte, die ein solches Leseerlebnis beschreiben können? Sie schildert die Vergewaltigungen, die sie durchlitten hat, die Gewalt, die Ermordungen ihrer Familie, und gibt all dem so ihre Stimme.
Gleichzeitig ist es aber auch die Geschichte einer starken, jungen Frau, die niemals aufgegeben hat, die gekämpft hat, die unheimlichen Mut bewiesen hat und die letztendlich geflohen ist. Sie war nicht viel älter als ich, und doch trennen uns Welten.
Und somit ist dies ein Buch, das erschüttert, aber das auch ein Zeugnis des Genozids an eine Gruppe ist, deren Geschichte von Unterdrückung und Gewalt geprägt ist. Ein Zeugnis der Schrecken des IS, die hier auf einmal real werden und damit nicht weniger grausam oder brutal. Und nicht zuletzt ist dies auch ein Zeugnis der Abwesenheit schützender Interventionen, sodass man nicht umhin kommt, sich zu fragen, was die Rolle westlicher Staaten und ihr Einfluss auf die irakische Politik in der Vergangenheit ist.

Fazit: Erschütternde Biografie einer starken Jesidin, die den Genozid an ihrer Glaubensgemeinschaft schildert und die Verbrechen des IS real werden lässt.


Quelle Cover & Klappentext: Knaur

8 Kommentare

  1. Hallöchen Dana =)

    als ich diese Buch eben bei dir entdeckt habe, dachte ich als erstes: Genau davon sollte in Zeitungen und Nachrichten gesprochen werden. Mein Freund und ich schauen am abend oft zusammen Nachrichten und zu 95 % muss ich einfach nur noch den Kopf schütteln. Neben jeder Menge Stimmungsmache und belanglosen Nichtigkeiten gibt es wirklich wenig Content, der wirklich erwähnenswert ist.
    Über solche Werke wie dieses und starke Personen dahinter wird einfach nicht berichtet. Schade.

    LG
    Anja

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    1. Hallo liebe Anja,

      das hast du wirklich toll geschrieben und auf den Punkt gebracht. Es wirklich schade, dass Themen und Menschen wie sie zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, die AfD aber wieder zum x-ten Mal Raum bekommt, um gegen Migrant*innen zu hetzen.

      Liebe Grüße!

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  2. Hallo Dana,

    ich lese nicht viele Autobiografien, aber diese hört sich echt interessant und bewegend an. Von dem IS hört man heutzutage leider viel zu wenig in den Nachrichten und da ist es toll, dass Nadia den anderen Frauen eine Stimme gibt. Das Buch habe ich schon einmal auf meiner Wunschliste gelegt. "Ich bin Malala" liegt momentan noch auf meinem SUB, aber wenn ich das gelesen habe, werde ich mir diese Geschichte zu Herzen nehmen.
    Dankeschön für die Vorstellung!

    Liebe Grüße
    Emily von Mein Schreibtagebuch

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    1. Hallo liebe Emily,

      es freut mich, dass ich dich auf das Buch aufmerksam machen konnte!
      "Ich bin Malala" habe ich auch schon vor etwa einem Jahr gelesen, die Rezension sollte aber demnächst endlich mal kommen. Auch sie ist eine beeindruckende junge Frau und nicht zuletzt teilen die beiden die Trägerschaft des Friedensnobelpreises.

      Liebe Grüße! :)

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  3. Auch so ein Buch, welches auf meiner Wunschliste steht und ich unbedingt noch in der Zukunft lesen muss!

    Sommerliche Grüße
    Vivka

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    1. Dann hoffe ich, dass es bald bei dir einziehen darf. :)

      Liebe Grüße!

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  4. Ich hatte Gänsehaut unterm Lesen deiner Rezension, Diana.
    Bis eben war mir das Buch unbekannt. Doch nun wird es vermerkt.
    Danke für den gelungenen Einblick.
    Liebste Grüße, Hibi

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    1. Hallo liebe Hibi,

      vielen Dank, es freut mich, dass ich dein Interesse wecken konnte! ♥

      Liebste Grüße!

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