Samstag, 3. August 2019

[Buchvorstellung] Sechzehn Wörter



Autorin: Nava Ebrahimi
Verlag: btb
Seiten: 320
Erscheinungsdatum: 27.03.2017 (bezieht sich auf die HC-Ausgabe)
ISBN: 978-3-442-71754-5
Taschenbuch; 10,00€
(Hardcover, 18,00€)




Dieses Buch hat mir spontan mein Großvater ausgeliehen, dementsprechend hatte ich auch keine wirklichen Erwartungen daran. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die im Iran geboren ist, in ihrer Kindheit nach Deutschland gezogen ist und dort nun lebt. Anlässlich des Todes ihrer Großmutter reist sie gemeinsam mit ihrer Mutter in den Iran. Der Rückflug ist schon gebucht und doch beginnt dort ein wenig auch die Suche nach ihrer eigenen Identität, inmitten dieser beiden Länder.

Und das ist auch der zentrale Punkt: Mona, ihr Leben und ihre Suche nach ihrer Identität. Das Buch ist sehr ruhig, ohne wirklichen Spannungsbogen und besteht aus sehr vielen Rückblicken. Anhand  sechzehn einzelner persischer Worte, die den Kapiteln vorangestellt das Buch strukturieren, verknüpft Mona Erinnerungen – an ihren Vater, der nie wirklich in Deutschland angekommen ist, an Alltagsrassismus, an ihre Kindheit, an das Jahr, das sie im Iran gelebt hat. Und trotz des so eher flachen Spannungsbogens habe ich das Buch keineswegs als langweilig empfunden – vielmehr entpuppte sich der Schreibstil als sehr fesselnd, sodass ich ein paar Seiten lesen wollte und dann nur schwerlich von dem Buch wieder losgekommen bin. Lediglich hin und wieder hatte ich Probleme, die Gegenwart von einem Rückblick zu unterscheiden, wobei das eigentlich durch die gewählte Zeitform deutlich wird.
Obgleich man die ganze Geschichte aus Monas Sicht liest und durch die Rückblicke und Reflexionen auch sehr tief in ihrem Inneren versunken ist, werden nicht alle Zusammenhänge offengelegt und manchmal weiß das Buch mit Enthüllungen zu überraschen.

An der Authentizität der Geschichte habe ich dabei keinen Zweifel, denn die Autorin Nava Ebrahimi teilt wesentliche Eigenschaften mit der Protagonistin. Auch sie ist im Iran geboren – in Teheran – und als Kind nach Deutschland gekommen, auch sie hat in Köln gelebt und Journalismus studiert. Somit bietet die Autorin einen Einblick darin, wie es sich anfühlt, zwischen diesen beiden Kulturen aufgewachsen zu sein, in beiden irgendwie zuhause zu sein.

Dabei ist das Buch nicht wirklich gewollt politisch, ohne jedoch nicht politisch zu sein. Immer mal wieder gibt es Sequenzen, in denen Mona Alltagsrassismus erfährt, zum Beispiel, wenn die Mutter ihrer Kindheitsfreundin ihrer Tochter den Umgang mit Mona verbieten will, weil Mona angeblich so ein rückständiges Frauenbild habe. Monas Vater war zudem Kommunist und in der Iranischen Revolution aktiv, in dessen Rahmen er verhaftet wurde. Und dennoch steht all das nicht im Mittelpunkt, im Fokus steht vielmehr Monas Selbstfindung und sie als Person.
Somit geht die Autorin auch kaum auf das aktuelle System im Iran ein, stattdessen lernt man als Leser*in die Alltagskultur kennen – Trauerrituale, aber auch, wie Mona mit einem Bekannten durch die Stadt fährt. Erst wenn Mona fragt, wie sie tun sollen, wenn sie von der Sittenpolizei angehalten werden, fing ich an, die Selbstverständlichkeit zu hinterfragen.
Und dennoch wird ein Bild von dem Iran gezeichnet, das ein wenig einlädt, dieses Land und seine Kultur kennenzulernen, was vielleicht manchmal etwas kritisch ist, manchmal ironisch, aber manchmal eben auch von einer unterschwelligen Sehnsucht Monas geprägt.

Mit Sexualität wird relativ offen umgegangen. Besonders Monas Großmutter charakterisiert sich dabei durch sehr unverfrorene sexualisierte Sprüche und empört sich darüber, dass ihre Enkelin noch keinen Mann gefunden hat. Mona wiederum hat während ihres Jahres in Teheran mehrere Nächte mit einem verheirateten Mann verbracht, ganz unverbindlich, was kaum problematisiert wird. Dieser ungezwungene Umgang mit Sex mag manchmal vor Augen führen, was für ein falsches Bild vom Iran existiert.
Und so amüsieren sich Mona und andere Charaktere auch hin und wieder über typisch deutsche Vorurteile und Handlungsweisen, sodass ich auch manchmal ein wenig schmunzeln musste. Was diese anderen Charaktere angeht, so liegt eben der Fokus auf Mona, dennoch wird auch hier eine gewisse Tiefe angedeutet.

Fazit: Die Reise in ihr Geburtsland, dem Iran, wird für die Protagonistin auch ein wenig zu einer Identitätssuche - ein eher ruhiges, aber dennoch fesselndes Buch mit leicht poetischem Schreibstil, das ein ganz eigenes Bild von dem Iran zeichnet, aber auch das Aufwachsen in Deutschland als Migrantin reflektiert, und das nicht zuletzt durch die eigenen Erfahrungen der Autorin authentisch wirkt.




Quelle Cover: btb

4 Kommentare

  1. Hallo liebe Dana,

    manchmal ist es gar nicht so schlecht, wenn man sich ein Buch schnappt, das man nicht auf der Wunschliste hatte und das einem quasi über den Weg läuft. "Sechzehn Wörter" klingt auf jeden Fall sehr berührend und auch echt heftig. In diesem Fall muss ein Buch auch gar nicht spannend sein, da es ja hauptsächlich von dem Emotionen lebt. Schön, dass es dich überzeugen konnte.

    Viele Grüße,
    Ally

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    1. Hallo liebe Ally,

      ja, da hast du total Recht. Ich habe das in letzter Zeit öfter mal ausprobiert und es bietet sich auch an, um mal Bücher jenseits des üblichen Beuteschemas ausuprobieren.
      Gerade zum Ende hin wird dieses Buch auch noch mal wirklich mitreißend. Und das stimmt, es lebt wirklich eher von den Emotionen, und es muss ja auch nicht immer um Spannung gehen. :)

      Viele Grüße auch an dich!

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  2. Hallo liebe Dana,
    ich muss ja sagen, als ich deine Worte gelesen habe, dass das Buch keinen wirklichen Spannungsbogen hat, war ich erstmal skeptisch. Dass dir die Geschichte aber dann trotzallem so gut gefallen hat, hat meine Neugierde geweckt. Ich finde das klingt nach einer sehr horizonterweiternden Geschichte. Vielen Dank für diese schöne Buchvorstellung.

    Ganz liebe Grüße
    Tanja :o)

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    1. Hallo liebe Tanja!

      Es freut mich, dass ich dich trotzdem neugierig machen konnte. Wie gesagt, ich finde, in dem Buch geht es auch weniger um Spannung, als vielmehr darum, eine Identitätssuche mitzuverfolgen. Das ist ungewöhnlich, aber wenn man sich darauf einlässt, auch sehr interessant und, wie du sagst, horizonterweiternd. ^^

      Ganz liebe Grüße auch dir! ♥

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