Mittwoch, 28. August 2019

[Buchvorstellung] Une vie


Autorin: Simone Veil
dt. Und dennoch leben - Die Autobiographie der großen Europäerin (2009)
Verlag: Stock
Seiten: ca. 350
Erscheinungsdatum: 2007
ISBN: 978-2-253-12776-5
Taschenbuch 


Bei diesem Buch handelt es sich um die Autobiografie der Französin Simone Veil (1927 - 2017), die mit sechzehn Jahren nach Auschwitz deportiert wurde, überlebte und später unter anderem französische Gesundheitsministerin und Präsidentin des Europäischen Parlamentes wurde. Während sie den meisten vermutlich eher wegen letzterem bekannt ist, kannte ich sie vor allem in dem Kontext als Shoah-Überlebende, was im Endeffekt auch der Grund war, weshalb ich dieses Buch gelesen habe: Ich war an ihrer Lebensgeschichte interessiert.

Mes combats, je les avais toujours choisis. (Seite 231)

(Meine Kämpfe habe ich immer ausgewählt.¹)

Tatsächlich nehmen die Deportation und Auschwitz nur ein Kapitel von elf ein, der Großteil ihres Buches konzentriert sich eher auf ihre politische Karriere. Wer also mit Politik wenig anfangen kann, der dürfte seine Schwierigkeiten mit dieser Autobiografie haben. Ich als Politikstudentin fand das jedoch relativ interessant und auch wer sonst an entsprechenden Entwicklungen interessiert ist, dürfte hier eine definitiv beeindruckende Lebensgeschichte finden.
Ich habe das Buch, das auf Deutsch "Und dennoch leben - Die Autobiographie der großen Europäerin" heißt, im französischen Original gelesen, und auch wenn ich meine Französisch jetzt nicht direkt als schlecht (wenn auch nicht so gut wie mein Englisch) einschätzen würde, habe ich doch bisher wenig in dieser Sprache gelesen und es fiel mir auch nicht direkt leicht, was insbesondere auch an den ganzen juristischen und politischen Ausdrücken sowie Abkürzungen lag. Das wurde verstärkt dadurch, dass ich das französische System nur oberflächlich kenne, gerade auch in Bezug auf die historischen Entwicklungen. Somit las ich für meine Verhältnisse recht langsam und brauchte fast eine Woche für die 350 Seiten. Nichtsdestotrotz ließ es sich aber auch flüssig lesen.

Der*die Leser*in folgt den wichtigsten Etappen ihres Lebens von einer glücklichen Kindheit in einer jüdischen, allerdings nicht sonderlich religiösen Familie über den Holocaust und dem Wiederanfang in Frankreich hin zu dem Sitz in der Regierung, der Präsidenschaft des Europarlaments und schließlich der Mitgliedschaft im französischen Verfassungsrat in den 2000ern. In dem Buch sind dabei auch die wichtigsten Reden von ihr und einige Fotos abgedruckt.

Dans les différentes fonctions que j'ai occupées, au gouvernement, au Parlament européen, au Conseil constitutionnel, je me suis efforcée de ne pas faseyer, plaçant mes actes au service des principes auxquels je demeure attachée par toutes mes fibres : le sens de la justice, le respect de l'homme, la vigilance face à l'évolution de la société. (Seite 262)

(In den verschiedenen Funktionen, die ich innehatte, in der Regierung, im Europäischen Parlament und im Verfassungsrat, habe ich mich bemüht, nie einzuklappen. Ich habe meine Handlungen immer in den Dienst der Prinzipien gestellt, denen ich mit allen Fasern meines Seins verbunden bin: dem Gerechtigkeitssinn, dem Respekt vor dem Menschen und der Achtung der Weiterentwicklung der Gesellschaft.
¹)

Der Teil, in dem sie davon erzählt, wie sie in Auschwitz-Birkenau war, ist nur ein kleiner Teil des Buches, dennoch ist er ungemein erschütternd, schockierend und bewegend. Der Nationalsozialismus und der Holocaust sind Themen, mit denen ich mich gerade in meiner Schulzeit viel auseinandergesetzt habe, trotzdem werde ich vermutlich nie in der Lage sein, dieses Ausmaß an Unmenschlichkeit, an brutaler Gewalt auch nur ansatzweise greifen zu können und dem nicht fassungslos entgegenzustehen. Simone Veil verlor den Großteil ihrer Familie, überlebte selbst den Todesmarsch und nach Birkenau auch Bergen-Belsen und kehrte schließlich nach Frankreich zurück.
Neben ihrer Erzählung nimmt sich auch Bezug auf Politik und Gesellschaft in der Zeit, beispielsweise in Bezug auf die Kollaboration Frankreichs. Wiederholt verweist sie darauf, dass im Gegensatz zu anderen Ländern drei Viertel aller Juden in Frankreich auch dank nicht-jüdischer Französ*innen überlebt haben, die beispielsweise ihre Mitbürger*innen versteckten. Simone Veil kritisiert an einer Stelle auch Hannah Arendt für ihre Theorie von der Banalität des Bösen, die die Täter*innen von ihrer Verantwortung lossage.

Ich stimme nicht mit allen ihrer politischen Ansichten überein, dennoch war ihre Meinung immer interessant. Zudem ist sie an sich auch einfach eine ziemlich beeindruckende Frau gewesen - und auch eine Feministin. Auch wenn ich zum Beispiel nicht in ihrer Betonung der Unterschiede zwischen Männern und Frauen mitgehen würde, hat sie sich gerade in ihren späteren Lebensjahren für die Gleichberechtigung der Geschlechter eingesetzt.
Generell war sie eine starke Frau, die für ihre Vorstellungen kämpfte und voll und ganz zu ihren Ansichten stand. Sie hat Politik und Recht studiert und wurde dann Juristin. Trotz Kindern und obwohl ihr Mann eigentlich dagegen war, hat sie ihren Willen durchgesetzt und Vollzeit gearbeitet - in den 50ern. Abgesehen von dem ersten Kapitel, das sie ihrer Kindheit gewidmet hat, erzählt sie sonst im Übrigen fast gar nichts über ihr Privat- und Familienleben.

L'Europe sera avant tout ce que nous en ferons. (Seite 207)

(Europe wird vor allem das sein, was wir daraus machen.¹)

Sie war eine der ersten Frauen, die in Frankreich einen Ministerposten übernahmen, und die erste Präsidentin des Europäischen Parlamentes. Auch wenn sie in meinen Augen durchaus patriotische Züge hatte (andererseits gehöre ich auch zu den Deutschen, die das Konzept Patriotismus geschichtsbedingt schlichtweg nicht nachvollziehen können), ist sie vor allem auch überzeugte Europäerin gewesen, die die EU voranbringen wollte.
Als Gesundheitsministerin setzte sie 1975 ein Gesetz durch, das den Schwangerschaftsabbruch in Frankreich legalisierte, der bis dato sogar mit dem Tod bestraft werden konnte. Das ist ein Thema, das traurigerweise immer noch aktuell ist, wenn man sich die aktuellen Entwicklungen in den USA anschaut - aber auch in Deutschland, schließlich wurden erst vor kurzem zwei Ärztinnen wegen angeblicher Werbung für Schwangerschaftsabbrüche auf ihrer Website in Berlin verurteilt.

Sans doute devraient-elles prendre conseil, disposer d'un délai de réflexion, être complètement informées des conséquences de leur acte, mais c'est à elles, et à elles seules, que devait appartenir la décision, c'est-à-dire l'appréciation de leur situation de détresse. (Seite 161)

(Zweifellos müssen sie Rat einholen, über einen Aufschub zum Nachdenken verfügen, vollständig über die Folgen ihres Handelns informiert sein, aber ihnen, und ihnen allein, obliegt die Entscheidung, das heißt, die Einschätzung ihrer Notsituation.¹)
 
Simone Veil beschränkt sich auf die wesentlichen Etappen ihres Lebens, nimmt aber zum Beispiel auch Stellung zu den Jugoslawienkriegen und dem Fall der Berliner Mauer. Gerade auch ihre Betrachtungen zur Europäisierung und dann dem zunehmend wieder stärker werdenden Nationalismus im 21. Jahrhundert haben auch heute noch traurige Relevanz.

Fazit: Eine interessante Autobiografie einer starken Frau, die Auschwitz überlebte, für ihre Vorstellungen eintrat und in dem Buch auch ihre politischen Ansichten zu verschiedenen Themen reflektiert. Als französische Gesundheitsministerin legalisierte sie Schwangerschaftsabbrüche und als erste Präsidentin des Europäischen Parlamentes kämpfte sie für die Idee eines vereinten Europas - viele der angesprochenen Themen sind noch heute relevant.


¹ Von mir übersetzt.

4 Kommentare

  1. Guten Abend liebe Dana,
    was für eine tolle und interessante Rezension, auch wenn dieses Genre jetzt nicht ganz so meins ist. Du hast sehr schön die Vorteile und Aspekte von dem Buch aufgegriffen, sodass man auf jeden Fall Lust bekommt mehr über die Dame zu erfahren.
    Für meine Mutter wäre es die perfekte Lektüre. Gerne gemerkt.
    Herzliche Grüße
    Andrea ♥

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    1. Hallo liebe Andrea,

      vielen Dank für deinen Kommentar! ♥

      Es ist tatsächlich auch nicht mein Hauptgenre, aber zwischendurch lese ich gerne mal Bücher abseits meines üblichen Beuteschemas. ;) Und Simone Veil ist definitiv eine sehr interesse Frau gewesen, die viel bewegt hat!

      Liebe Grüße!

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  2. Hallo Dana,
    eine sehr schöne Rezension, auch wenn ich fürchte, es wäre nicht so mein Buch. Was du schreibst, klingt interessant und ich glaube gern, dass ihre geschichte sowohl erschütternd, als auch beeindruckend ist. Mich würde aber vermutlich auch ihre Geschichte in Bezug auf die NS-Zeit mehr interessieren, als die politische Karriere- die ohne Frage beeindruckend ist. Sich für Dinge einzusetzen, die bisher nicht hinterfragt oder geduldet wurden, die aber wichtig für die Bevölkerung sind, ist immer ein enormer Schritt, bei dem man ja auch viel Gegenwind erhält.
    Von daher meinen Respekt für die Dinge, die sie überlebt und geschafft hat, selbst wenn man eben nicht 100%ig hinter jeder Ansicht von ihr steht - das ist ja auch gar nicht nötig.
    Lg Dana

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    1. Hallo liebe Dana,

      das kann ich absolut verstehen. Ich hatte wie gesagt auch nicht damit gerechnet, dass ihre politische Karriere zentral sein würde, und kann nachvollziehen, dass das auch eher langatmig sein, wenn man sich nicht gerade wie ich sehr dafür interessiert. Zumal ich es letztendlich beeindruckend fand, dass sie sich zum Beispiel für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen einsetzt, was ja ein unheimlich aktuelles Thema ist.
      Was du schreibst mit dem Respekt trifft es daher definitiv!

      Liebe Grüße :)

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