Dienstag, 13. August 2019

Grenzlandtage [UND] Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy

Grenzlandtage (Antonia Michaelis & Peer Martin)



Oetinger Verlag ~ 09.12.2016 erschienen ~ 464 Seiten ~ 978-3-8415-0469-2 ~ Taschenbuch mit Klappenbroschur; 13,99€


Jule hatte sich eigentlich auf zwei Wochen Urlaub mit ihrer besten Freundin gefreut. Doch nun ist diese krank und sie muss alleine ihre Reise auf die griechische Insel antreten. Der Ort wirkt wie das reinste Urlaubsparadies, doch dann begegnet sie einem Jungen mit verbundenen Händen und alles ändert sich.

Dieses Buch ist so ein Buch, bei dem man irgendwann seinen europäischen Pass verflucht und sich die eigenen Privilegien als EU-Bürger*in bitter bewusst wird. Es geht um Seenotrettung im Mittelmehr (oder eben ihre Abwesenheit), um Ertrinken, um Flucht, um Abschiebung, um die Zustände in den unterschiedlichen Ländern und um die Verteilungsverfahren. Wut, Ohnmacht und Fassungslosigkeit waren nur einige der Gefühle, die ich beim Lesen empfand. 
Die vielen Tode im Mittelmeer bekommen ein Gesicht, werden in diesem fiktiven Werk real und zeugen von einer schreienden Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit, die die europäischen Länder unterstützen. Sie zeugen von Menschen, die vor Krieg, Armut und Gewalt mit der Hoffnung auf ein besseres Leben fliehen und am Ende einsam und alleine ertrinken.

Wer mich kennt, weiß, dass ich die Bücher von Antonia Michaelis liebe und auch wenn ich rückblickend betrachtet auf die Fortsetzungen auch hätte verzichten können, war "Sommer unter schwarzen Flügeln" von Peer Martin ebenfalls ein unheimlich gutes Buch. Beide haben einen ungewöhnlichen, poetischen Schreibstil, der hier in diesem Buch perfekt harmoniert. Wie in vielen Büchern von Antonia Michaelis wirkt Jule manchmal naiv, verträumt, idealistisch, aber nicht zwingend auf eine anstrengende Art.
Zu ihrer Sicht kommt zwischendurch die des Jungen hinzu. Und natürlich könnte man argumentieren, dass ihr Zusammentreffen und die Entwicklung in dieser Form nicht zwingend realistisch sind, aber es eröffnet einen Raum der Möglichkeiten, der die Realität zerschmettert. Es ist eine Geschichte der Hoffnung, der Verzweiflung, es ist ein Märchen, das wie eine Metapher für das steht, was man sich wünscht, was aber nicht ist, und doch orientiert es sich an Tatsachen. Entscheidungen wirken nicht immer rational, aber darum geht es nicht. Es ist ein Jugendbuch, das sich eines brandaktuellen, aber viel zu verschwiegenen Themas annimmt. Das die Geschichte einer deutschen Abiturientin erzählt, die aus ihrer privilegierten Welt rausgerissen wird und ohnmächtig diesem ungerechten Phänomen gegenübersteht, und eines Jungen, der zu viel verloren hat, zu erwachsen geworden ist und doch die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben hat. Und es ist die Geschichte, die zeigt, dass Seenotrettung kein Verbrechen, sondern Menschlichkeit ist.


Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy ( Adaobi Tricia Nwaubani)



übersetzt von Karen Nölle ~ amerik. Originaltitel: I Do Not Come to You by Chance (2009) ~ dtv Verlag ~ 2011 erschienen ~ 500 Seiten ~ 978-3-423-24861-7  ~ Taschenbuch


Dieses Buch ist ein Own Voice-Buch der nigerianischen Autorin Adaobi Tricia Nwaubani, das in Nigeria spielt und sich die 419-Scammer zum Thema nimmt, sprich diejenigen, die mit den vermutlich auch manchen von euch bekannten Spam-Mails Geld machen, in denen sie sich als nigerianische Prinzen, arme Witwen oder ähnliche ausgeben, Gewinne versprechen oder um Geldleihen bitten. Wiederholt machen sie sich dabei über die Dummheit der Europäer*innen und Amerikaner*innen lustig, die auf diese Mails reinfallen und sich gegebenenfalls sogar noch selbst als Retter*innen "bedürftiger Afrikaner*innen" sehen.
Dabei geht es auch viel um das Bild weißer Menschen und der westlichen Welt in Nigeria, eigenen Sehnsüchten, aber auch Abgrenzungen und irgendwie eben auch um den Umgang mit Postkolonialismus. Das Buch bot mir die Möglichkeit, von meiner eigenen westlichen, von Vorurteilen geprägten Sicht einmal Abstand zu nehmen und einen Einblick in eine nigerianische Sicht zu erhalten - und natürlich auch in einen nigerianischen Alltag.

Der Protagonist Kingsley ist in einer armen Familie aufgewachsen. Für seine Eltern stand Bildung und Wissen immer an erster Stelle, aber jetzt findet er trotz Universitätsabschluss keine Stelle. Dabei will er eigentlich das Mädchen, das er an der Uni kennengelernt hat und über alles liebt, heiraten und ihr ein sicheres Leben bieten. Und als er wieder in Kontakt mit seinem Onkel kommt, dem schwarzen Schaf der Familie, der ein reicher Chef einer 419er-Firma ist, lockt ihn diese Methode des schnellen Geldes.

Kingsley ist wie so viele Charaktere jemand, bei dem ich mir nie sicher war, ob er mir sympathisch ist. Sein Onkel, stark übergewichtig, von jüngeren Frauen umschwärmt und mit seinem Geld am prossen, mag unsympathisch erscheinen, wirkt aber eher wie eine Persiflage. Überhaupt - im Zentrum der Geschichte stellt vielmehr der Unterhaltungswert. Und obwohl man Zeug*in von Verbrechen wird, ertappt man sich irgendwann zwangsläufig bei dem Gedanken, dass Leute, die auf sowas reinfallen, ja auch irgendwie selbst schuld sein. 
Ansonsten lebt der Roman gerade von diesem Ironischen, mit dem mit diesem Thema - mit dem sich die Autorin im Übrigen durchaus intensiv auseinandergesetzt hat, zumindest habe sie mit Personen aus dieser Branche gesprochen - umgegangen wird. Skurril, abnormal, die Faszination des schnellen Geldes und eine Welt der Macht und des Reichtums - aber auch der Ehre, denn gegenüber anderen Nigerianer*innen und besonders der eigenen Familie zeigt sich enorme Solidarität. Irgendwie wird dabei auch ein bisschen mit postkolonialen Strukturen gespielt.

Aber wie gesagt, Politik oder Gesellschaftskritik stehen bei diesem Buch gar nicht wirklich im Vordergrund, vielmehr geht es um die Unterhaltung, und so lässt sich dieses Buch auch relativ flüssig lesen. Und ganz nebenbei bot es mir die Möglichkeit, mal meine westliche Blase zu verlassen und eine nigerianische Stimme kennenzulernen.
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