Montag, 9. September 2019

[Rezension] Roter Mond


Autor: Benjamin Percy
Übersetzer: Michael Pfingstl
amerik. Originaltitel: Red Moon (2013)
Verlag: blanvalet
Seiten: ca. 640
Erscheinungsdatum: Mai 2016
(auf Deutsch erstmal erschienen 2014 im Penhaligon Verlag)
ISBN: 978-3-7341-0063-5
Taschenbuch; 9,99€


Inhalt:

Schon immer waren die Lykaner*innen Menschen zweiter Klasse in den USA, aber das Blatt wendet sich zum Negativen, als alle Passagiere dreier Flugzeuge bei einem Terroranschlag des lykanischen Widerstands umgebracht werden. Patrick ist der einzige Überlebende und wird von der Presse gefeiert, obwohl er selbst sich so gar nicht als Held sieht. Der Präsident kündigt sofort drastische Maßnahmen an.
Claire steckt mitten in ihren Collegeplänen, als Regierungsbeamte die Haustür eintreten und ihre Eltern erschießen. Sie flieht - doch wohin?


Meine Erwartung:

Ich habe das Buch vor einiger Zeit mal auf ein, zwei Blogs gesehen, aber das war auch alles. Es hat mich nicht direkt angesprochen, dennoch habe ich es vor kurzem ohne wirkliche Erwartungen spontan ausgeliehen.

Meine Meinung:

Zugegeben, irgendwie habe ich etwas ganz anderes erwartet. Irgendwas Politisches, und dass es sich um Fantasy handelt, ist auch komplett an mir vorbeigegangen. Ganz sicher habe ich keine Werwolf-Geschichte erwartet, aber genau das habe ich bekommen.

Ich bin mir immer noch nicht so ganz sicher, was ich von dieser Geschichte halten soll. Sie ist düster, apokalyptisch, brutal, aber obwohl ich sie durchaus als sehr fesselnd empfunden habe, haben mich die Schicksale der Charaktere nicht allzu sehr getroffen. Vielleicht lag das daran, dass es so viele Sichtweisen gab, und ich persönlich einfach nicht so der Fan bin. Fünf Sichtwechsel gibt es schon in den ersten vier Kapiteln, die erst nach und nach miteinander verbunden werden und zu denen auch weitere noch hinzukommen, auch wenn Patrick und Claire im Vordergrund stehen. Unterschiedliche Orte und Handlungssituationen bedeuten aber auch, dass ich mich jedes Mal neu orientieren musste - wie gesagt, ich bin kein allzu großer Fan von sowas.

Interessant waren vor allem die behandelten Themen. Das Buch spielt quasi in einer alternativen Realität, mit dem einzigen Unterschied zu unserer, dass es Werwölfe gibt. Werwölfe respektive Lykaner*innen werden auf eine Art Virus zurückgeführt, der über Blut übertragen wird, ähnlich wie Aids. Sie leben als Menschen zweiter Klasse in den USA, haben aber Ende der 1940er-Jahre auch eine eigene Republik irgendwo in Nordosteuropa gegründet, die von den Amerikaner*innen besetzt wird. Die Amerikaner*innen bauen das dortige Uran-Vorkommen ab und garantieren im Gegenzug den Lykaner*innen Sicherheit - so heißt es jedenfalls. Mit anderen Worten: Werwölfe, aber auf sehr politische Weise.
Ihr merkt, das Ganze ist sehr durchdacht und spricht eine Menge Themen an. Innerhalb der Lykaner*innen gibt es eine Widerstandsgruppe, die eben auch die terroristischen Angriffe durchführt. Es werden Fragen von (staatlicher) Diskriminierung, Terrorismus, Rassismus, Kolonialismus, Machtstrukturen und Widerstand aufgeworfen und letztendlich bleibt es dem*der Leser*in selbst überlassen, welche Botschaft er*sie daraus mitnimmt. Auf so vielen Ebenen werden Ansätze angeschnitten, in denen man Aspekte unserer Welt wiederfindet.

So ein bisschen zeigt das Buch, warum Werwölfe und Co. sonst lieber verdeckt leben. Gleichzeitig lässt sich darin auch Gesellschaftskritik an Diskriminierung durch Gesellschaft und Staat in unserer Welt erkennen, denn auch wenn statistisch nur wenige Lykaner*innen überhaupt Menschen anfallen, sehen sich die oft friedlich lebenden Lykaner*innen mit Vorurteilen und Diskriminierungsmechanismen konfrontiert.
Spätestens hier zeigen sich aber auch moralische Fragen. Klar, irgendwie sind die Ziele des Widerstands, ihr Land zu befreien und für ihre Rechte zu kämpfen, Ziele, mit denen man sich als Leser*in identifizieren würde. Andererseits wirkt es für mich aber moralisch zutiefst verwerflich, dafür die Passagiere ganzer Flugzeuge auf bestialische Weise umzubringen. Der Autor macht es einem nicht leicht, klare Sympathien zu entwickeln, dadurch dass die Charaktere auf verschiedenste Weise verstrickt sind und handeln und auf unterschiedlichen Seiten stehen, sodass ich mich wiederholt fragte, wer jetzt eigentlich die Bösen sind und ob ich Charakter x mögen darf.

Irgendwie bin ich aber nicht wirklich an die Charaktere herangekommen, sie wurden für mich nicht ganz greifbar, sondern blieben immer auf einer gewissen Distanz. Dabei durchlaufen gerade Claire und Patrick eine enorme Entwicklung und generell bieten die Motive der handelnden Charaktere genügend Potenzial für Tiefe. 
Patrick ist der einzige Überlebende der terroristischen Angriffe, jedoch nicht, weil er ein Held wäre. Am Anfang ist er unscheinbar, eher ein Mitläufer, als dass er selbst handelt, doch das ändert sich. Auf der ganz anderen Seite steht Claire, die eine Lykanerin ist, worum sie sich jedoch nicht allzu viel schert. Sie will lieber ein normales, ruhiges Leben - was sich in dem Moment ändert, als ihre Eltern erschossen werden und sie flieht. Beide Protagonisten sehen sich damit konfrontiert, dass sich ihr Leben von einen Tag auf den anderen radikal verändert, und doch haben sie erst mal nicht wirklich was miteinander zu tun, sodass es auch ein wenig spannend ist, zu verfolgen, wie der Autor die Erzählstränge verbindet.

Das Buch war auch durchaus spannend, die Handlung steigt direkt rein und auch wenn ich das Buch teilweise etwas lang fand, wurde es nie langatmig. Es weicht von den Erzählstrukturen ab, die ich erwartet hätte, und auch das Ende ist eher offen gehalten. Dabei gibt es auch einige krasse Szenen - ich meine, zu Beginn zerfleischt ein verwandelter Mann Passagiere eines Flugzeuges. Und auch Vergewaltigungen finden statt. Mich hat zwischendurch die sehr sexualisierende Sprache mancher Typen ein wenig irritiert, inwieweit das realistisch sein sollte, kann ich nicht sagen. Ansonsten gibt es auch die obligatorische Liebesgeschichte, die allerdings ohne Herzrasen und tiefe Romantik auskommt, wodurch dann auch nicht wirklich Gefühle ankommen - aber wie gesagt, damit hatte ich ja generell ein Problem.

Fazit: Spannende, brutale Geschichte, die das Thema Werwölfe sehr politisch umsetzt und dabei von bekannten Erzählstrukturen abweicht. Viele Perspektivenwechsel mit zwei Hauptfiguren, die eine enorme Entwicklung durchlaufen. Dabei wurden die Charaktere für mich persönlich nicht wirklich greifbar, sodass eine gewisse Distanz zum Geschehen für mich blieb.


8 Kommentare

  1. Huhu Dana, :)

    das Buch kannte ich bisher noch nicht, anhand der Inhaltsbeschreibung hätte ich allerdings auch so gar keine Wolfsgeschichte sondern eine reine Dystopie erwartet. Die Geschichte klingt an sich echt spannend und ich mag es auch gerne aus mehreren Sichten zu lesen. Wenn es allerdings zu viele sind wie hier, wird es wirklich unübersichtlich.

    Liebe Grüße,
    Ally

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    1. Hallo Ally,

      das Buch hat tatsächloch auch leichte dystopische Aspekte, und ist damit auch keine typische Werwolfgeschichte in dem Sinn. :)
      Ich weiß nicht, vielleicht kommen andere besser mit den Sichten klar, aber wie gesagt, mir fällt das generell nicht so ganz leicht. ;)

      Liebe Grüße!

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  2. Hallo liebe Dana!

    Lange, lange ist es her, aber ich habe "Roter Mond " ebenfalls gelesen. Ich kann mich düster erinnern, dass es mir beim Lesen genauso ging wie dir. Was mein Fazit angeht - das dürfte auch mittelmäßig bis gut ausgefallen sein. Allerdings ist mir die Handlung nicht allzu gut im Gedächtnis hängen geblieben, also darfst du mich auf diese Aussage nicht festnageln :D Grottenschlecht war die Geschichte jedenfalls nicht, sonst würde ich mich wohl besser erinnern ;)

    Liebe Grüße
    Lisa von Prettytigers Bücherregal (Blog & Instagram)

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    1. Hallo Lisa,

      ich muss zugeben, ich war mir auch echt nicht sicher, wie ich das Buch bewerten soll, und hab dauernd zwischen drei und vier Büchlein geschwankt. xD Irgendwie war es doch ganz gut, aber es ist mir jetzt auch nicht als herausragend im Gedächtnis geblieben. :D
      Aber hey, es beruhigt mich, dass es dir genauso ging, anscheinend liegt es ja am Buch. ^^

      Liebe Grüße! ♥

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  3. Huhu :)
    Bisher habe ich von dem Buch noch gar nichts gehört. Ich hätte allerdings etwas mit Werwölfen erwartet, da ich seit den Underworld-Filmen weiß, dass Lykaner Werwölfe sind :D So an sich klingt das Buch interessant, aber ich glaube, für mich ist es trotz allem nicht unbedingt etwas. Aber immerhin konntest du was gutes daran finden, das ist doch auch schön :)
    Liebste Grüße
    Kat

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    1. Hallo liebe Kat!

      Ich weiß gar nicht, ob es im ursprünglichen Klappentext erwähnt wird, aber ich hatte vorher ja eh nur einen sehr vagen Eindruck von dem Buch und habe es eigentlich mehr gelesen, weil ich Lust hatte, spontan ein Buch abseits der mir bekannten auszuprobieren. xD Spannend und interessant war es auch auf jeden Fall, auch wenn es mich jetzt nicht umgehauen hat. ^^

      Liebe Grüße! ♥

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  4. Ich habe das Buch tatsächlich im Regal und vor Ewigkeiten auch gelesen, aber so richtig gut erinnern kann ich mich nicht an alles, aber ich glaube, ich mochte es damals ziemlich, sonst würde es nicht mehr im Regal stehen ... vlt wird es mal Zeit für einen ReRead ^^

    Sommerliche Grüße
    Vivka

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    1. Ich muss sagen, mir ist es auch nicht stark im Gedächtnis geblieben, obwohl ich es beim Lesen eigentlich ganz gut fand und die Handlung ja auch durchaus ein wenig krass ist. :D

      Sommerliche Grüße zurück! :)

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