Donnerstag, 24. Oktober 2019

[Rezension] Dunkelgrün fast schwarz

 "... dann finden sie uns nie. Sie suchen uns für immer, können das Rätsel nicht lösen. Wir werden zur Legende, du und ich." (Seite 119)

 
Autorin: Mareike Fallwickl
Verlag: Penguin
Originalverlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Seiten: 480
Erscheinungsdatum: 12.08.2019 (ursprünglich: 2018)
ISBN: 978-3-328-10484-1
Taschenbuch; 12,00€


Inhalt:

Schon als Dreijährige waren Moritz und Raffael beste Freunde. Bis zum Matura waren sie unzertrennlich - Raffael, selbstsicher, manipulativ, immer von Mädchen umschwärmt, und Moritz, zurückhaltend, unscheinbar. Jetzt steht Raffael wieder vor Moritz' Tür - nachdem sie sich sechzehn Jahre nicht gesehen haben. Und doch rutscht Moritz sofort wieder in die alte Abhängigkeit ...

Äußere Erscheinung:

Obwohl ich das Cover keiner expliziten Szene aus dem Buch zuordnen kann und eine dunkelgrüne Farbgestaltung wie bei dem Originalcover vermutlich passender gewesen wäre, mag ich es doch an sich von der Ästhetik her sehr gerne und irgendwie passen die drei Personen auch wieder zu der Handlung. Der Titel ist dabei perfekt.

Meine Erwartung:

Ich kannte das Buch nicht, bis ich die Rezension von Alica dazu gelesen habe, aber da hat mich die Geschichte sofort fasziniert, sodass ich sie beim Bloggerportal angefragt und freundlicherweise auch zugeschickt bekommen habe - vielen Dank an dieser Stelle schon mal an den Verlag!

Meine Meinung:

Das Buch handelt von einer toxischen Freundschaft, ein Thema, das ich bisher kaum kannte ("The Wicker King" liegt noch angefangen neben meinem Bett), aber das hier meiner Meinung nach sehr gelungen dargestellt wird. Denn wow - toxisch ist sie allemal. Und das macht das Buch auf keinen Fall zu einer leichten Lektüre, denn diese Abhängigkeit zu verfolgen kann unangenehm sein, verzweifelt stimmen, Hass wecken und es manchmal schwer machen, weiterzulesen - und doch hing ich an den Seiten und konnte nicht weggucken, wie eine Gafferin bei einem Autounfall. Und doch zog mich die Geschichte in ihren ganz eigenen Bann, auch wenn oder gerade weil nach dem Lesen immer wieder ein unwohles Gefühl blieb.

Es gibt keinen wirklichen Spannungsbogen, stattdessen stellt dieses Buch vielmehr eine Collage aus Erinnerungen dar. Erinnerungen aus drei Sichten - der von Moritz, der von seiner Mutter Marie und der von Jo, der Freundin von Raf. Vor jeder Erinnerung steht zur Einordnung die Jahreszahl, dennoch erzählen alle im Präsens, was einem als Leser*in das Gefühl gibt, direkt dabei zu sein.
Zusammen ergeben sie nach und nach ein Bild der Freundschaft und der Ereignisse danach, und auch wenn einige Punkte erst am Ende enthüllt werden, besteht die Spannung eher darin, dass ich selbst in eine gewisse Abhängigkeit geriet und einen Blick auf diese toxische Freundschaft zu verschiedenen Zeiten hatte - mit der immer offenen Frage, ob Moritz sich in der Gegenwart endlich daraus lösen kann.

Rafs Sicht ist dabei nicht vertreten, aber ich persönlich finde, dass dies die Chemie dieses Buch ein stückweit kaputtgemacht hätte. Alle Protagonist*innen scheitern in gewisser Weise daran, ihn zu verstehen, hinter seine Fassade zu blicken. Sie verklären ihn mal, sie hassen ihn, sie unterliegen seinem Bann - und als Leser*in weiß man ebenso wenig, was Rafs Intentionen sind, was diese Magie, die er auf andere ausübt, wirklicher werden lässt.

Und oh, ich habe Raf gehasst. Und gleichzeitig war ich unglaublich fasziniert von ihm.
Raffael ist schon als Kind gewalttätig und manipulativ, ja, man könnte sagen, sadistisch. Er fügt anderen Kindern Schmerzen zu, er fügt Moritz Schmerzen zu. Gleichzeitig zieht er alle in einen Charme. 
Dabei ist es nicht so, dass er als Monster an sich dargestellt wird. Er kommt aus einem reichen Elternhaus, und in gewisser Weise erkennt man sein Verhalten in seinen Eltern wieder, vor allem in seinem gutaussehenden, charmanten und reichen Vater, ganz so, wie er es später auch ist. Denen die weiblichen Herzen zufliegen, die alles bekommen, was sie wollen und sich dessen vollends bewusst sind. Arrogant, selbstbewusst und vor allem auch selbstsicher.
Die ganze Zeit über strahlt Raf Überlegenheit aus, die nie wirklich gebrochen wird. Er scheint die ganze Zeit mit einem amüsierten Lächeln auf die Welt zu blicken, als würde er sich über sie lustig machen. 

Raf kontrolliert die Situationen, die Menschen, er manipuliert, und Moritz fügt sich. Moritz ist unheimlich passiv, lässt sich mitziehen, macht alles mit, und genau hier zeigt sich das Toxische, wenn er sich nicht daraus lösen kann. Und als Leserin verspürte ich Verzweiflung angesichts dieser Unentrinnbarkeit. 
Moritz ist zurückhaltend, ruhig, man merkt, dass er ein gutes Herz hat, und umso mehr frustriert es, dass es auch in der Gegenwart so wirkt, als würde er sich wieder protestlos in Rafs Fänge geben und zusehen, wie Raf sein Leben zerstört.

Die ganze Sache war genau so, wie mit Raf befreundet zu sein. Das Schlimmste und das Beste zugleich. (Seite 119)

Aber auch Marie habe ich als relativ passiv wahrgenommen und mich oft gefragt, inwieweit sie etwas hätte tun können, diese Abhängigkeit verhindern können. Sie trifft Entscheidungen, die sie nicht unbedingt sympathisch machen, und doch wirkt sie vor allem verloren.
Sie zieht nach Hallein bei Salzburg, wo der Großteil der Handlung spielt, einem Ort, aus dem auch die Autorin kommt, was sich in einigen österreichischen Ausdrücken bemerkbar macht, die dem Buch einen authentischen Charme geben. Nachdem sie unerwartet schwanger wird, macht Marie nichts aus ihrem Studium, sondern heiratet den Vater und zieht in den ländlichen Ort, den sie nicht kennt, um die Kinder großzuziehen - Handlungen, von denen ich nicht erwartet hatte, dass es sie in den 80ern noch gab: heiraten, weil man schwanger wird, seine Karriere dafür aufgeben.
Und somit ist sie selbst erst Mitte 20, plötzlich mit Verantwortungen konfrontiert, die sie nicht erwartet hatte, in fremder Umgebung, gefangen in einem Leben, das ihr die ungewollte Schwangerschaft aufgezwungen hat. Somit empfand ich immer wieder doch auch Mitleid für sie. Gleichzeitig bietet sie eine Außenperspektive auf die Freundschaft während der Kindheit und ihre eigene Machtlosigkeit.

"Dunkelgrün fast schwarz" zeichnet sich dabei auch durch den herausragenden Schreibstil aus, der sehr poetisch ist, was ich persönlich sehr gerne mochte. Hinzu kommt, dass Moritz Synästhetiker ist und Farben sieht, was seiner Erzählweise eine zusätzliche Ebene verleiht.
Doch neben der Poesie mutet das Buch oft auch derb an. Die Erwachsenen haben oft Sex, selten zärtlich, BDSM taucht kurz auf. Im Kontrast dazu steht die doch sehr liebevolle Beziehung zwischen Kristin und Moritz, oder die partnerschaftliche zwischen Alexander und Marie, die sich eigentlich kaum kennen.
Auch Jo ist ein sehr ambivalenter Charakter. Sie leidet unter Essstörungen, ist zynisch, verbittert und gleichzeitig ebenfalls absolut abhängig von Raf.

Das Buch überraschte mich mit einem runden Abschluss, nach dem man mit bitterem Nachgeschmack und einer Vielzahl an Gefühlen zurückbleibt. Vor allem aber werden diese toxische Freundschaft und Rafs Manipulation so nachvollziehbar und ausweichlich dargestellt, dass man als Leser*in die Abhängigkeit intensiv spürt, sie verabscheut, einen Ausweg wünscht und doch selbst irgendwie davon gefangen wird.

Fazit: Unheimlich gut geschriebene Geschichte einer toxischen Freundschaft, die die Abhängigkeit nachvollziehbar werden lässt. Verschiedene Sichten bilden eine Collage aus den verschiedenen Momenten und konstruieren so ein Bild dieser Freundschaft zwischen dem charmanten, immer kontrollierenden und manipulativen Raf und dem von ihm abhängigen Moritz. Der poetische Schreibstil trägt seinen Teil dazu bei, den*die Leser*in in den Bann zu ziehen, von dieser oft düsteren und manchmal derben Geschichte, die einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.




Quelle Cover: Penguin

6 Kommentare

  1. Huhu Dana,

    cool, dass du das Buch so zeitnah auch gelesen hast! :D
    Beim Cover finde ich auch, dass das der Hardcover-Ausgabe besser passte.
    Du hast die toxische Beziehung echt gut in Worte gefasst! Ich finde ja, du kannst echt zielgenauer formulieren als ich. XD
    Mir hätte es aber auf jeden Fall, zumindest am Ende des Buches, gut gefallen, wenn Raf einmal zu Wort gekommen wäre. Um überhaupt einen kleinen Blick in seine Gedanken zu bekommen. Auch wenn so natürlich das Mysteriöse an ihm bis zum Schluss erhalten bleibt, was auch einen gewissen Reiz hat. :)

    Schöne Grüße
    Alica

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    1. Hallo liebe Alica,

      hey, deine Rezension war so gut, dass du mich allein damit überzeugt hast, das Buch zu lesen, das ist alles andere als schlecht. :D
      Hmm, ich weiß nicht, ich mag es eigentlich, dass man nur aus den Dialogen einen Einblick in Rafaels Motivationen erhält und sich da eben auch nie sicher sein kann, wie ernst er es meint. Gerade weil er von allen anderen Cgarakteren ja genau so wahrgenommen wird. Einen Einblick in seine Gedanken hätte für mich eine zu hohe Gefahr gehabt, ihn menschlicher werden zu lassen in dem Sinne, dass dies das ganze Toxische ein wenig aufgebrochen hätte ...

      Liebe Grüße ♥

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  2. Hallo liebe Dana,

    das Buch reizt mich zwar nicht, aber das was du schreibt, klingt trotzdem sehr interessant und auch ziemlich krass. Manchmal ist es echt unverständlich, was für eine Wirkung manche Menschen haben.

    Liebe Grüße,
    Ally

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    1. Hallo liebe Ally,

      es war auf jeden Fall auf düstere Weise sehr faszinierend. Ich finde, toxische Beziehungen sind ein spannendes Thema, das, wenn es gelungen dargestellt wird, richtig beklemmend rübergebracht werden kann. ^^

      Liebe Grüße :)

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  3. Hi Dana!

    Ich muss gestehen, dass ich bei dem TB Cover gar nicht näher auf das Buch geachtet hätte ... aber ich hatte mir schon 2-3 Rezensionen dazu durchgelesen und war neugierig, das andere Cover sagt ja im ersten Moment nicht wirklich viel aus und sowas ist mir immer lieber :)
    Solche Geschichten lese ich super selten, aber die hier reizt mich irgendwie total. Ich hoffe dass es bald bei mir einziehen kann :)

    Liebe Grüße, Aleshanee

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    1. Hallo liebe Aleshanee,

      manchmal ist es schade, wenn das Cover nicht direkt die Aufmerksamkeit erzielt. Aber dieses Buch kann ich dir auf jeden Fall wärmstens empfehlen, ich fand es unheimlich gut und es würde mich sehr interessieren, wie du es findest!

      Liebe Grüße! :)

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