Montag, 18. November 2019

[Buchvorstellung] The Ocean at the End of the Lane

"Nobody actually looks like what they really are on the inside. You don't. I don't. People are much more complicated than that. It's true of everybody." (Seite 112)

 
Autor: Neil Gaiman
dt.: Der Ozean am Ende der Straße (2016)
Verlag: William Morrow
Seiten: ca. 200
Erscheinungsdatum: 2013
ISBN: 978-0-06-225566-2
Taschenbuch


Inhalt:

Ein Mann kehrt in die Straße zurück, in der er aufgewachsen ist und hält spontan bei dem Haus der Hempstocks. Hier erinnert er sich an eine Reihe von Ereignissen nach seinem siebten Geburtstag - düster, mysteriös und auch ein stückweit magisch ...



Okay, es war nicht einfach, den Inhalt zu beschreiben, denn dies ist eine der Geschichten, die man gemeinsam mit dem Protagonisten entdeckt und an die man am besten so unvoreingenommen wie möglich herangeht.
Ich habe dieses Buch zusammen mit der lieben Alica gelesen und kannte vorher von dem Autor "The Sleeper and the Spindle" und "American Gods", beides Bücher, die mich überzeugen konnten. Dennoch ging ich an dieses ohne große Erwartungen oder Vorwissen heran - und wurde überrascht von einer magischen Geschichte, die absolut außergewöhnlich ist.

Die Geschichte wird eingerahmt durch die Handlung des Mannes, der sich an seine Kindheit erinnert, ehe wir dann genau dahinein wechseln. Der Protagonist, der ebendiese Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, erhält nie ein Namen, was mir bis zu dem Interview mit dem Autor, das in meiner Ausgabe hinten abgedruckt ist, auch nicht aufgefallen war.

Das Genre des Buches ist vage Fantasy, allerdings alles andere als eine typische Geschichte. Der Protagonist ist sieben Jahre, liest gerne und es ist ein bisschen so, als würden Dinge, die man sich mit sieben Jahren vorstellt, real werden. Monster, Magie, aber auch Wunder und allerhand anderer übernatürlicher Phänomene, sodass ich mich ein wenig in meine eigene Kindheit zurückversetzt fühlte, als sowas noch möglich erschien.
Gleichzeitig hat man die Rahmenhandlung mit einem Erwachsenen, dem diese Erinnerungen gehören, und fragt sich so zwangsläufig, ob das nicht doch nur Einbildungen eines Kindes sind, das versucht, traumatische bzw. durchaus sehr ernste Themen zu verarbeiten, die der Protagonist teilweise selbst nicht versteht, dafür aber der*die Leser*in. Die Auflösung fand ich dabei super.

[She] was an adult. It did not matter, at this moment, that she was every monster, every witch, every nightmare made flesh. She was also an adult, and when adults fight children, adults always win. (Seite 87)

Die Zielgruppe des Buches sind Erwachsene, denn obwohl der Protagonist ein Kind ist und vieles fast märchenhaft anmutet, ist die Atmosphäre doch auch sehr düster und viele angeschnittene Themen werden Kinder nicht unbedingt verstehen. Umgekehrt kritisiert das Buch gerade Erwachsene, nimmt die Position von Kindern ein und wendet sich gegen die Fantasielosigkeit und  Härte der Erwachsenen.
Die Geschehnisse, die von Erwachsenen als übernatürlich klassifiziert werden würden, werden mit einer kindlichen Selbstverständlichkeit hingenommen. In diesem Buch scheint alles möglich zu sein, egal, wie sehr es gegen die Vernunft geht, und das fand ich unheimlich cool.

Ich muss dazu sagen, dass ich mich tendenziell mit Kindern als Erzähler*innen schwertue, mich das hier aber nicht gestört hat. Dabei hatte ich durchaus den Eindruck, dass der Protagonist sich absolut authentisch wie eben ein siebenjähriger Junge verhält. Dass er Angst hat, sich nicht traut, Dinge zu machen, trotzig wird, naiv ist, fordernd. Ohne dass ich das jemals als anstrengend empfunden hätte. Denn nichtsdestotrotz ist er beispielsweise eben auch sehr mutig.
Dabei lernen wir seine Familie nur aus seiner Sicht und damit auch nur in seinem Eindruck kennen - seine Schwester also vor allem als nervig und besserwissend, seinen Vater als streng und strafend, und so weiter, was super interessant ist.

"[...] Grown-ups don't look like grown-ups on the inside either. Outside, they're big and thoughtless and they always know what they're doing. Inside, they look just like they always have. [...] The truth is, there aren't any grown-ups. Not one, in the whole wide world." (Seite 112)

Auf der anderen Seite haben wir Lettie Hempstock, ihre Mutter und ihre Urgroßmutter auf ihrer Farm, die für den Protagonisten zu einem Zufluchtsort voller kleiner Wunder und Perfektionen ist. Die drei erinnerten mich an die alten Vorstellungen einer dreigestaltigen Göttin - was definitiv ein interessanter Gedanke ist. Überhaupt sind die zugrundeliegenden Vorstellungen super spannend.
Gerade die Freundschaft, die der Protagonist zu Lettie aufbaut, wird dabei als unkompliziert, aber auch sehr schön beschrieben.

Nach zwei Büchern des Autors erkannte ich hier auch seinen Stil wieder. Wie gesagt, die Atmosphäre ist relativ düster, fast leicht unheimlich. Alica hat das Buch als ein gutes Herbstbuch beschrieben und dem würde ich eindeutig zustimmen. ^^
Gleich zu Anfang wird es auch ein wenig trauriger, und generell tat mir der Protagonist wiederholt leid - letztendlich fieberte ich durchaus mit dieser Geschichte mit, die mich in ihren ganz eigenen Bann zog.

Fazit: Absolut außergewöhnliche Geschichte mit einer einnehmenden, düsteren Atmosphäre aus der Sicht eines authentisch dargestellten siebenjährigen Junge, in der alles möglich zu sein scheint - eine Geschichte über Monster, Magie und Wunder, über Mut und Freundschaft und ein bisschen auch über die Gegensätze zwischen Kindern und Erwachsenen.


6 Kommentare

  1. Hallo meine Liebe :)

    Ich glaube, dass ich dieses Buch mal gelesen habe. Ich bin mir zu 78% sicher, aber leider erinnere ich mich gar nicht mehr daran :D Nach deiner Rezi kamen so einige Erinnerungen wieder. In kleinen Wellen, die mich an bestimmte Punkte erinnert haben.
    Vielleicht sollte ich das Buch nochmal lesen *überleg* irgendwie habe ich jetzt wieder Lust darauf. Danke dafür ;)

    Herzlichst ♥
    Carly

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    1. Hallo liebste Carly! ♥

      Oha. xD Vielleicht wäre das dann wirklich der Moment, um das Buch noch mal zu lesen ...? :D

      Alles Liebe! ♥♥

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  2. Hallöchen Dana =)

    Ich mag Geschichten aus so jungen Perspektiven sehr gerne, weil ich selbst diesen Blick oft nicht mehr habe. Beim Lesen kann ich mich dann aber sehr gut einfühlen.
    Ich habe diese Buch auf Deutsch vor Jahren gelesen. Mir haben vor allem die schönen Formulierungen, kleinen Weisheiten und philosophischen Ansätze gefallen. Ich hab mir etliche Textstellen im Buch markiert.
    Am Ende hab ich trotzdem überlegt, ob ich das Buch wirklich so verstanden habe wie es gemeint war.

    LG
    Anja

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    1. Hallo liebe Anja,

      hm, okay, das ist ein nachvollziehbarer Grund. :D Hier fand ich es auf jeden Fall auch sehr gut umgesetzt!
      Und, ja, das stimmt, es enthält sehr viele schöne kleine Weisheiten und tolle Textstellen. Generell mochte ich einfach auch den Schreibstil. ^^
      Ich glaube, das Buch ist auf verschiedene Art und Weise interpretierbar, gerade das mag ich eigentlich auch daran. Und vermutlich ist es ein Buch, das man beim zweiten Lesen noch mal neu entdecken kann.

      Liebe Grüße :)

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  3. Hi Dana,

    das Buch hab ich auch vor einer Weile gelesen, aber ich erinnere mich nicht mehr so deutlich daran. Ich glaube auch, dass es mir jetzt um einiges klarer rüberkommen würde, als beim ersten Mal lesen. Ich fands zwischendurch schon etwas verwirrend und konnte nicht alles greifen oder die Hintergründe zu fassen kriegen.
    Aber es hatte mich definitiv beeindruckt.
    Vielleicht lese ich es doch nochmal :)

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Hallo liebe Aleshanee,

      ich glaube auch, dass man bei diesem Buch beim erneuten Lesen bestimmt noch neue Ding entdecken kann. Vielleicht ist es also wirklich einen Re-Read wert. ;)

      Ein schönes Wochenende! :)

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