Freitag, 28. Februar 2020

[Rezension] Am I Normal Yet?

mental illness, we sure as hell know the words for it, but we still can't have sympathy with the actual behaviour. (S. 158)

 
Autorin: Holly Bourne
dt.: Spinster Girls - Was ist schon normal? (2018)
Verlag: Usborne
Seiten: ca. 440
Erscheinungsdatum: 2015
ISBN: 978-1-4095-9030-9
Taschenbuch


The Spinster Club-Reihe:
  • Am I Normal Yet?
  • How Hard Can Love Be?
  • What's a Girl Gotta Do?

Inhalt:

Evie hat OCD und eine Angststörung, aber jetzt steht der Neuanfang an der neuen Schule bevor und für sie steht fest: Sie will endlich normal sein, und nicht mehr die Verrückte. Das heißt Partys, Freundinnen und auch endlich einen Freund finden. In Amber und Lottie findet sie tatsächlich neue Freundinnen – und doch wagt sie es nicht, ihnen von ihrer Krankheit zu erzählen. Schließlich geht es ihr längst besser. Schließlich will sie endlich eine normale Sechzehnjährige sein.

Meine Erwartung:

Das Buch wurde ja teilweise sehr gehypt und die Themen Feminismus und Mental Health klangen genau nach meinem Ding, sodass es letztendlich auf meiner Wunschliste landete.

Meine Meinung:

Ich kann definitiv verstehen, warum das Buch so gehypt wird, weil es einige sehr wichtige Messages ausdrückt und extrem wichtige Themen behandelt – allen voran eben Feminismus und Mental Health. Gleichzeitig ist es auch durchaus ein Coming of Age-Roman, denn die Protagonistin ist 16, also genau in diesem wunderschönen Alter der Selbstfindung, bei ihr noch verstärkt dadurch, dass sie die letzten drei Jahre nicht „normal sein“ konnte.
Das bedeutet Partys, verliebt sein oder zumindest glauben, es zu sein, Betrunkensein, Konflikte mit den Eltern, aber eben auch Freundschaften und die Frage danach, wer man sein will und was wirklich zählt.

Ich fand Evie dabei ziemlich authentisch für ihr Alter, gerade wenn sie sich mit ihren Eltern oder auch ihrer Therapeutin streitet. Dann legt sie dieses typische trotzige, alles persönlich nehmende, vorwurfsvolle Verhalten an den Tag, das ich auch von Teenagern aus meinem Umfeld kenne (Dana, 20, extrem weise und erwachsen). Inklusive Anschuldigungen, die nicht immer ganz fair sein, und Streitgesprächen, bei denen beide Parteien aneinandervorbeireden – was ich einfach unglaublich authentisch und realistisch fand.
Aber keine Angst, das ist die Ausnahme, ansonsten ist Evie definitiv keine anstrengende Protagonistin. Manchmal ein wenig naiv vielleicht, aber auch das ist irgendwo authentisch. Sie liebt Filme, wodurch diese auch immer mal wieder ein Thema sind. Und sie hat Ecken und Kanten, macht manchmal Dinge nicht perfekt und weiß es, gleichzeitig fand ich ihre Gründe dafür immer nachvollziehbar.

Sehr schön fand ich auch ihre Beziehung zu ihrer zwölfjährigen Schwester Rose. Eigentlich wollen die Eltern nicht, dass diese viel von Evies Krankheit erfährt, doch Rose bekommt mehr mit, als es scheint, und steht gleichzeitig zu Evie. Es ist sehr schön zu sehen, wie die beiden sich gegenseitig unterstützen und füreinander da sind, wie Rose Evie bei der Kleidungsauswahl für ein Date hilft oder die beiden einfach nur zusammen einen Film schauen.
Obwohl Evie sagt, sie würde ihre Eltern lieben, kommen diese in erster Linie sehr anstrengend und überbesorgt rüber, worin sich vermutlich wieder Evies Teenager-Blick widerspiegelt. Gleichzeitig ist die Situation auch nicht immer leicht für sie und sie sorgen sich um ihre Tochter.

Im Verlaufe der Handlung trifft sich Evie mit verschiedenen Jungen, was man verschieden aufnehmen kann. Einerseits bedeutet das, dass sie fast auf jeden Typen steht, den sie irgendwie kennenlernt. Andererseits fand ich es auch irgendwie realistisch, dass Evie nicht sofort die Liebe ihres Lebens kennenlernt, schließlich ist sie erst 16. Stattdessen probiert sie aus, macht Fehler und negative Erfahrungen und man kann darüber diskutieren, inwieweit sie teilweise wirklich verliebt ist – was in meinen Augen relativ authentisch ist.

Und: Dieses Buch ist keine Liebesgeschichte, sondern ein Coming of Age-Roman über Freundschaften, Mental Health, Feminismus, Selbstfindung und vielem mehr, in dem es eben auch um Dates und erste Beziehungen geht. Dabei mochte ich es, dass auch thematisiert wird, dass man für eine Beziehung sich nicht verstellen und sein altes Leben aufgeben soll – was allerdings genau das ist, was Evies ehemals beste Freundin Jane tut.
Doch auch gerade bei dieser zeigt sich, dass die Charaktere sehr vielschichtig gezeichnet sind und, auch wenn sie sich falsch verhalten, oftmals auch gute Seiten haben – und es damit kein Schwarz-Weiß-Denken gibt.

What I couldn't handle wasn't the dropping of me as a friend - although that stung like an African Killer Bee - but the selling out of who-you-are and what's-important-to-you just because a boy likes it. To me that made you a traitor against girl kind...against yourself. (S. 33)

Die OCD und die Anxiety nehmen natürlich einen wesentlichen Teil des Buches ein, ohne dass Evies Charakter ausschließlich darüber bestimmt wird. Es nervt sie selbst, dass sie eine sehr klischeelastige Form der OCD hat – in ihrem Fall eine ständige Angst vor Keimen und Krankheiten, die zu einem ständigen Drang nach Händewaschen, Putzen etc. führt. Ich muss zugeben, dass ich mich vorher kaum damit auseinandergesetzt hatte und das Buch mir die Möglichkeit gab, relativ viel zu lernen – sowohl über die Krankheit, als auch über den Umgang. Zum Beispiel fühlte ich mich selbst ein bisschen ertappt, als Evie kritisiert, wie oft Menschen im umgangssprachlichen Gebrauch harmlose Dinge mit mentalen Krankheiten beschreiben, wie zum Beispiel das Sortieren von Stiften als OCD, wenn es doch nicht im Geringsten vergleichbar ist.

Auf der anderen Seite fand ich die Krankheit unheimlich nachvollziehbar dargestellt. Evie geht es besser und sie beginnt, die Dosierung ihrer Medikamente runterzusetzen, aber natürlich ist sie längst nicht geheilt und man merkt, wie es vor allem darum geht, die Gedanken zu kontrollieren.
Und diese bekommt der*die Leser*in durch die Ich-Perspektive direkt mit – und auch durch das Format. Das Ganze wird als Recovery Diary dargestellt, und die „schlechten Gedanken“ werden in anderer Schriftart eingeführt. Ab einem gewissen Teil des Buches fing ich an zu erahnen, was Evie triggern würde – Hautkontakt, dreckige Oberflächen, …
Und auch wenn ich ihre Panik nicht verstehen konnte, konnte ich ihre Gedankengänge nachvollziehen. Dazu trägt auch der Schreibstil bei, der die Gedankenspiralen und wachsende Panik nachempfindbar darstellt, wobei ich die Authentizität natürlich nicht bewerten kann. Aber auch Evies Angst vor den Reaktionen anderer, ihre Scham und ihr Wunsch, normal zu sein, fand ich nachvollziehbar dargestellt – und das fand ich absolut gelungen an diesem Buch. Und: Ich mochte es, dass Therapie mal nicht verteufelt und negativ dargestellt wird.

"Do you ever wonder," he asked, "how we decide what's mad and what isn't? There's so much crazy stuff in the world - everything's a mess most of the time - but then people who can't handle it are called mental and have films made about them... But what if they're just reacting to the weirdness of the universe? Isn't it more weird to just think everything's okay, when it clearly isn't?" (S. 120)

Ein anderes zentrales Thema ist der Feminismus, was ich einfach ziemlich cool fand. Amber, Lottie und Evie diskutieren feministische Themen und versuchen, diese auf ihren Alltag zu übertragen, aber auch wenn sie versuchen, Jungen nicht zu dem Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens zu machen, reden sie miteinander über ihre aktuellen Schwärme und unterstützen sich vor allem bedingungslos. Ich mochte die Freundschaft zwischen ihnen unheimlich gerne.
Für jemanden, der sich bereits ein wenig mit Feminismus auseinandergesetzt hat, sind die meisten der Themen vermutlich nicht neu – der Bechdel-Test zum Beispiel. Aber ich würde sagen, gerade für jüngere Leserinnen bietet dieses Buch auch einen tollen Einstieg, um sich mit Feminismus auseinanderzusetzen und grundlegende Argumentation kennenzulernen.

Einziger Wehmutstropfen war für mich dabei, dass es eine ziemlich problematische und transphobe Stelle gibt, bei der es um Menstruation gibt. Ich unterstütze den Punkt, dass über ein so alltägliches und so viele Menschen betreffendes Phänomen offener und mit weniger Scham gesprochen werden sollte, aber an dieser Stelle wurden die Aussagen getroffen, dass jede Frau menstruiert und die Menstruation eine zur Frau mache, und das schließt schlicht und ergreifend nicht-binäre und trans Personen aus. Nicht jede Frau menstruiert und nicht jede Person, die menstruiert, ist eine Frau.
Hier hätte ich mir definitiv gewünscht, dass ein intersektionaler Ansatz (also einer, der verschiedene Marginalisierungen und Diskriminierungen mitdenkt) gewählt worden wäre - denn das sollte Feminismus tun. Insgesamt wird in der Argumentation von einem relativ binären Geschlechtersystem ausgegangen – was es natürlich einfacher macht, für die Rechte von Frauen zu argumentieren, aber eben auch Personen ausschließt, was schade ist.
 
Fazit: Ein Coming-of-Age-Buch über Freundschaft, erste Beziehungen und Selbstfindung mit vielschichtigen Charakteren mit Ecken und Kanten. Das Buch setzt sich mit Mental Health auseinand und stellt die OCD der für ihr Alter sehr authentisch handelnden Protagonistin nachvollziehbar dar. Gleichzeitig stellt das Buch einen tollen Einstieg in das Thema Feminismus gerade für junge Leser*innen dar, vertritt dabei allerdings weniger einen intersektionalen Ansatz und enthält eine problematische Passage, die trans Personen exkludiert.


4 Kommentare

  1. Huhu liebe Dana,

    wow, was für eine ausführliche Rezension. :D Das Buch wurde im Deutschen ja ziemlich gehyped, wenn ich mich recht entsinne, ging aber irgendwie trotzdem an mir vorbei...

    Thematisch lese ich solche "ungewöhnlichen" Handlungen auch gerne, besonders wenn man dadurch Einblicke in andere Denkweisen u.ä. erhält, mit denen man sonst vllt gar keine Kontaktpunkte hat.
    Bezüglich deines Kritikpunktes: Daran hätte ich mich mittlerweile sicherlich auch gestört, aber früher habe ich darüber nie nachgedacht. Finde es immer spannend, wie man doch dazulernt und aufmerksamer wird. :D Wobei es ja leider beim Feminismus Strömungen gibt, die tatsächlich so krass auf "Frau" fixiert sind, dass sie auch trans-Personen ausschließen. Finde es sehr traurig, wenn dann trotzdem von Gleichberechtigung gesprochen wird...

    Liebe Grüße
    Alica

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    1. Hallo liebe Alica,

      manchmal tippe ich einfach darauf los und stelle dann fassungslos fest, wie lang meine Rezension wieder geworden ist. xD

      Dito, gerade mentale Krankheiten werden ja zudem oft eher vernachlässigt und ich mochte die Aussagen, die dazu vermittelt werden. ^^
      Und ja, mir wäre das früher auch nicht aufgefallen, aber ich gebe mir Mühe zu lernen. :x Ich hoffe wirklich, dass es hier unschöne Unwissenheit und keine beabsichtigte Transphobie war, wie du sie ansprichst, weil Feminismus, der trans Frauen ausschließt, ist für mich halt auch kein richtiger Feminismus ...

      Liebe Grüße! ♥♥

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  2. Hallo liebe Dana,
    von diesem Buch lese ich hier gerade das erste Mal. Gerade das, was du über die gute Umsetzung betreffend des Krankheitsbildes schreibst, spricht mich sehr an. Aber auch das Thema Feminismus interessiert mich. Was die Sache mit der Menstruation angeht: Das ist ein interessanter Kritikpunkt.Ich finde es gut, dass du ihn in deiner Rezension angeführt hast.
    Vielen Dank für diese aussagekräftige und ausführliche Buchrezension.

    Ganz liebe Grüße
    Tanja

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    1. Hallo liebe Tanja,

      vielen Dank, es freut mich, dass ich dich neugierig machen konnte. Und wenn dich die Darstellung der Krankheit und Feminismus interessieren, kann ich dir das Buch auf jeden Fall empfehlen!

      Ganz liebe Grüße! :)

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