Sonntag, 24. Mai 2020

[Rezension] La Passe-Miroir - Les Fiancés de l'Hiver


Autorin: Christelle Dabos
dt.: Die Spiegelreisende - Die Verlobten des Winters (2019)
Verlag: Gallimard Jeunesse
Seiten: 528
Erscheinungsdatum: 06.06.2013
ISBN: 978-2-07-065376-8
Taschenbuch


La Passe-Miroir-Reihe:
  • Les Fiancés de l'Hiver
  • Les Disparus du Clairdelune
  • La Mémoire de Babel
  • La Tempête des échos


Inhalt:

Ophélie kann die Vergangenheit von Gegenständen lesen und durch Spiegel reisen, doch ansonsten ist sie vollkommen unscheinbar und vertieft sich in ihre Arbeit im familiären Museum. Doch alles ändert sich, als sie verheiratet wird und ihre Heimat verlassen muss, um zu der Arche des Pols zu ziehen und den groben Adeligen M. Thorn zu heiraten - eine diplomatische Heirat, um die Beziehungen zwischen den beiden Archen zu stärken. Schon auf der Reise dorthin warnt Thorn sie eindrücklich. Und so muss Ophélie sich fragen, was wirklich hinter dem Ganzen steckt, auf sich alleingestellt in einer fremden Umgebung ...

Äußere Erscheinung:

Ich mag das Cover sehr gerne, zumal es zu der Geschichte passt, ebenso wie der Farbton. Und der Titel ist, na ja, sehr treffend. :D

Meine Erwartung:

Ich habe das Gefühl, dass das Buch ziemlich gehypt wurde, und als ich herausgefunden habe, dass es im Original Französisch ist, dachte ich mir, wäre es doch eine gute Gelegenheit, um endlich mal wieder etwas auf Französisch zu lesen. Zumal ich das Gefühl habe, sehr selten über Fantasy zu stolpern, die von französischen Autor*innen stammt. Und da mich die ganzen positiven Meinungen neugierig gemacht haben ...

Meine Meinung:

Okay, zuerst einmal die Vorwarnung: Ich habe das Buch auf Französisch gelesen und muss zugeben, ich bin nicht sonderlich geübt darin, Romane auf Französisch zu lesen, und würde den Stil auch nicht unbedingt als einfach bezeichnen. Während ich am Anfang noch hohe Konzentration aufwenden musste, um der Handlung folgen zu können, kam ich irgendwann in einen Lesefluss, bei dem mir das Verständnis deutlich leichter fiel, nichtsdestotrotz kann ich nicht dafür garantieren, nicht manche Dinge doch falsch verstanden oder Feinheiten übersehen zu haben.

Ich weiß, dass viele den herausragenden Stil hervorgehoben haben, auch da fehlt mir noch eher das Feingefühl für die Sprache, auch wenn ich die Wortwahl auf jeden Fall sehr schön fand. Der feine Humor konnte ich mich zudem immer mal wieder zum Grinsen bringen.
Der Stil hängt mit Sicherheit auch mit dem World Building zusammen, das manchmal ein wenig märchenhaft anmutet. Lebendige Objekte, wie zum Beispiel Ophélies Schal, aber auch die Welt des Pols, die ihr gerne gemeinsam mit Ophélie entdecken dürft, haben etwas Magisches. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Welt in zig Teile zersplittert wurde, den Archen ... Das Ganze mutet an, als würde es in unserer Zukunft spielen, mit teils technologischen Errungenschaften. Auf jeden Fall ist es eine extrem faszinierende und definitiv ungewöhnliche Welt, die ich gerne entdeckt habe, und ich bin gespannt darauf, in den Folgebänden mehr darüber zu erfahren.
Interessant ist dabei auch der Vergleich zwischen den beiden Gesellschaften der Arche Anima, wo Ophélie aufgewachsen ist und die von einer starken familiären Verbundenheit ihrer Bewohner*innen, die alle miteinander verwandt sind, geprägt ist, und der des Pols, die sich grundlegend unterscheiden, was ebenfalls super interessant ist.

Einerseits hat die fremde Sprache dazu beigetragen, dass es mir schwergefallen ist, in die Geschichte hineinzukommen, andererseits hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte sich generell sehr viel Zeit nimmt, um die Handlung ins Rollen zu kriegen. Als Leser*innen lernen wir Ophélie kennen, erleben ihre Abneigung gegen die geplante Heirat und überhaupt entwickelt sich alles erst nach und nach.
Aber während ich das Buch anfangs noch problemlos beiseitelegen konnte, merkte ich nach etwa einem Drittel, wie es mich plötzlich zu fesseln begann, und ab der Hälfte fiel es mir schwer, das Buch beiseite zu legen. Die Handlung nahm an Fahrt auf und damit auch an Spannung - das Durchhalten am Anfang lohnt sich, denn am Ende hing ich gefesselt an den Seiten.

Was ich an dem Buch auch mochte, war die eher ungewöhnliche Erzählweise. Weder die Protagonistin noch Thorn sind klassisch schön, was ich als unüblich empfunden habe, und ich mochte Ophélie sehr gerne. Sie ist unscheinbar, spricht meist nur leise und undeutlich und versteckt sich hinter ihrem Schal und ihren Brillengläsern, die die Farbe ihrer Stimmung annehmen. Das mochte ich übrigens auch, die Einbindung dieser Brille - inklusive beschlagener Gläser und verschwommener Sicht, wenn Ophélie gezwungen wird, sie abzunehmen, was ich als sehr authentisch empfunden habe.

Ich mochte es, wie Ophélie von Anfang an ihre innere Stärke entdeckt und beschließt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie ist entschlossen, eigenständige Entscheidungen zu treffen und eine gewisse Selbstständigkeit und Handlungsmacht zu suchen, statt sich einfach in die Rolle der fügsamen Ehefrau zu drängen, und ich mochte die Entwicklung, die sie dahingehend im Verlaufe der Handlung durchläuft.
Und ich mochte das gerade deshalb, weil es eben keine physische Stärke ist, sondern schlicht und ergreifend der Wille, zu sich selbst zu stehen und sich nicht unterkriegen zu lassen, was sie zu einem beeindruckenden Charakter macht.

Darüber hinaus habe ich sie übrigens irgendwo auf dem asexuellen bzw. aromantischen Spektrum gelesen - Anlass gibt mir vor allem diese Stelle:
Aucun homme ne l'avait jamais troublée. Elle avait lu, une fois, un roman sentimental que sa sœur lui avait prêté. Elle n'avait absolument rien entendu à ces émois amoureux et le livre l'avait ennuyée à mourir. Était-ce anormal? Son corps et son cœur seraient-ils éternellement sourds à cet appel-là?
// Kein Mann hatte sie jemals berührt. Sie hatte einmal einen Liebesroman gelesen, den ihre Schwester ihr geliehen hatte. Sie hatte absolut nichts von diesen Liebeserregungen verstanden und das Buch hatte sie zu Tode gelangweilt. War das anormal? Würden ihr Körper und ihr Herz für immer taub für diesen Ruf sein? (S. 185, Übersetzung durch mich)
Obwohl in diesem Buch sehr wenig in die Richtung einer Liebesgeschichte geschieht, ahne ich zwar, dass sich das ändern wird, würde aber trotzdem davon ausgehen, dass Ophélie mindestens demi ist, und bin ein bisschen gespannt, ob und wie sich das weiter äußert. Auf jeden Fall ist es sehr angenehm, dass es mal keine Geschichte ist, bei der die Protagonistin die Hälfte der Zeit hormonell fremdgesteuert wirkt, sondern sich erfrischend indifferent zeigt.

Hinzu kommt die generell ungewöhnliche Erzählweise, denn wer jetzt mit Thorn einen heißen Adeligen erwartet, dessen harte Schale die Protagonistin knackt, um dann glücklich verliebt die Heirat zu vollziehen, ist fehl am Platz. Es ist eine Zweckheirat, Thorn ist nicht klassisch schön und die Handlung fokussiert sich auf andere Dinge, was ich super erfrischend fand. Überhaupt konnte sie mich immer wieder überraschen, da ich sie auch als relativ unvorhersehbar empfunden habe - gerade weil sie von bekannten Erzählmustern abweicht.

Dabei sind auch die Charaktere sehr faszinierend, gerade weil bei vielen die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt und man sich auch als Leser*in nie so ganz im Klaren darüber ist, wem man trauen kann. Ich hoffe darauf, viele davon in den Fortsetzungen weiter kennenzulernen, gerade die, über die man bisher weniger erfahren hat - Potenzial ist auf jeden Fall eine Menge da!
Ophélies Anstandsdame, ihre Tante Roseline, fand ich übrigens zwischendurch ein bisschen anstrengend, mit ihrem ständigen Gezeter, aber irgendwie habe ich sie dann doch ins Herz geschlossen. xD
Das Einzige, das ich ein bisschen kritisch fand, war der Charakter, der meinte, ihm könne keine Frau widerstehen und er könnte sie alle haben, weil ich das Frauenbild dahinter ein bisschen problematisch finde ... Andererseits ist er bisher auch nicht auf Sympathie ausgelegt, deswegen bleibt abzuwarten, wie sich das weiter entwickelt.

Fazit: Ungewöhnliche und erfrischend andere Erzählweise mit einem faszinierenden, ebenso außergewöhnlichen World Building und unüblichen, vielschichtigen Charakteren. Die Handlung braucht ein wenig, um ins Rollen zu kommen, weiß dann aber definitiv zu fesseln und zu überraschen. Die unscheinbar wirkende Protagonistin überzeugt mit innerer Stärke, in dem sie sich nicht unterkriegen lässt und zu sich selbst steht. Insgesamt ein vielversprechender Auftakt mit viel Potenzial für die Fortsetzungen!

2 Kommentare

  1. Hallo liebe Dana,

    diese Reihe reizt mich sehr, ich habe sie auf meiner Hörbuchliste. :) Hut ab, dass du auf Französisch gelesen hast. Das was du schreibst macht mich auf jeden Fall neugierig und bestärkt mich noch in meinem Wunsch in die Geschichte einzutauchen.

    Liebe Grüße,
    Ally

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    1. Hallo liebe Ally,

      oh, dann hoffe ich, dass du bald in diese wundervolle Geschichte eintauchen kannst und bin schon sehr gespannt auf deine Meinung! *o*

      Liebe Grüße!

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