Freitag, 8. Mai 2020

[Rezension] The Toll

"A succesful lie is not fueled by the liar; it is fueled by the willingness of the listener to believe. [...]" (Seite 302)


Autor: Neal Shusterman
dt.: Scythe - Das Vermächtnis der Ältesten (2019)
Verlag: Simon & Shuster
Seiten: ca. 630
Erscheinungsdatum: 2019
ISBN: 978-1-4814-9706-0
Gebunden mit Schutzumschlag


Trilogie:


! ACHTUNG - ENTHÄLT SPOILER ZU DEN VORGÄNGERN !


Inhalt:

Nachdem Endura untergegangen ist, hindert Goddard nichts mehr darin, die Herrschaft über das Scythedom zu ergreifen und seine Vorstellungen davon durchzusetzen. Denn wer könnte ihn jetzt noch aufhalten?

Äußere Erscheinung:

Das Cover hat was, der Titel passt. Und ich finde die Gestaltung unter dem Schutzumschlag immer noch super cool. ^^

Meine Erwartung:

Oh wow, das Ende des Vorgängers hat mich fertig gemacht. Scythe Curie, die ich wirklich ins Herz geschlossen habe, tot? Und diese supercoole Aida-Anspielung mit Rowan und Citra? (Still in love with that one!) Und dieser krasse Cliffhanger?!
Gemessen daran ist es eigentlich beeindruckend, dass ich nach Erscheinen des finalen Teils jetzt doch ein paar Monate gebraucht habe, um ihn zu lesen.

Meine Meinung:

Ich gebe zu, ich kann nachvollziehen, warum viele den Abschluss etwas schwächer fanden als die Vorgänger, denn die Erzählweise ist ein wenig anders. Nicht vom Stil, aber nachdem bei den anderen beiden Teilen vor allem Citra und Rowan (mein Lieblingscharakter der Trilogie) die Protagonist*innen waren, wird dieses Buch aus verschiedenen Sichten erzählt, die teilweise wenig mit dem Scythedom zu tun haben - wodurch ich die beiden ein wenig vermisst habe.
Eine große Rolle spielt zum Beispiel Greyson, der Einzige, der noch in Verbindung mit dem Thunderhead steht und deswegen eine besondere Rolle einnimmt, und der gleichzeitig bei der Sekte der Tonist*innen (wird das so übersetzt? :D) Aufnahme gefunden hat. Die ehemalige Nimbus-Agentin Loriana, die auf einer besonderen Mission zu bestimmten Koordinaten geschickt wird. Eine Bergungsmission des ehemaligen Endura. Plus Goddards Treiben und Scythe Faradays Suche nach den Geheimnissen der Gründungs-Scythes. Plus ein paar andere Perspektiven.

Die Perspektiven wechseln also und besonders anfangs wird auch zwischen verschiedenen Zeitpunkten hin- und hergesprungen, teilweise mit Wochen oder sogar Jahren Unterschied. Was jetzt super verwirrend klingt, fand ich allerdings tatsächlich sehr gut umgesetzt. Dem Autor gelingt es, das bewusst stilistisch so einzusetzen, dass er Verknüpfungen schafft und nach und nach sichtbar macht, sodass allmählich ein zusammenhängendes Bild entsteht.
Auch sonst gibt es zwischendurch ein, zwei Kapitel mit einer nennen wir es experimentellen Erzählweise, plus die Ausschnitte aus Scythe-Tagebüchern und anderem zwischen den Kapiteln. Ich mochte den Stil ganz gerne, und war auch nie überfordert mit den verschiedenen Perspektiven, stattdessen gelang es dem Autor so, Spannung aufzubauen und verschiedene Aspekte der Ereignisse, die einzelnen Charakteren verborgen geblieben wären, zu beleuchten.

"We never know what choices will lead to defining moments in our lives," the crimson scythe said. "A glance to the left instead of right could define who we meet and who passes us by. Our life path can be determined by a single phone call we make, or neglect to make. [...]" (Seite 181f.)

Von allen neu eingeführten Charakteren fand ich Jerico am sympathischsten, und war zudem überrascht, dass es sich bei Jerico um einen genderfluiden Charakter handelt - womit ich nicht gerechnet hatte, weil nicht-binäre Charaktere leider immer noch viel zu selten repräsentiert werden, und was ich dementsprechend umso cooler fand, zumal ich aus der Danksagung entnehme, dass Neil Shusterman eine*n Sensitivity Reader*in zurate gezogen hat.
Auch die Idee, dass Jerico in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in der Kinder ohne Geschlecht erzogen werden und dann mit dem Erreichen des Erwachsenenalters selbst eins wählen dürfen, fand ich dabei super interessant. 

Some things simply made a person feel feminine; other things made a person feel masculine. Wasn't that true of everyone, regardless of gender? Or did binaries deny themselves the things that didn't fit the mold? (Seite 29)

Aber auch sonst fand ich Jericos Charakter toll. Und auch Greyson wurde mir sympathischer. Scythe Faraday ist ebenfalls ein Charakter, den ich ins Herz geschlossen habe, und generell kann ich nur sagen, dass es dem Autor gelungen ist, viele tiefgründige und sympathische Charaktere zu schaffen - und trotz der Vielzahl an Personen das Ganze NICHT in einem unübersichtlichen Durcheinander enden zu lassen.

Die Reihe ist Science Fiction, was allein schon an der Sache mit der künstlichen Intelligenz deutlich wird. Ansonsten steht natürlich auch weiterhin die Diskussion im Raum, wie man bei einer unsterblichen Gesellschaft Überbevölkerung vermeidet, ob bewusstes Töten moralisch vertretbar sein kann und die Frage des Machtmissbrauchs. Zudem sehen sich die Menschen nun vor die Herausforderung gestellt, dass das Thunderhead sich zurückgezogen hat und sie ihr Leben ohne die ständigen Weisungen auf die Kette kriegen müssen.
Hinzu kommt Goddards brutale Herrschaft, Fragen der Moral und des Vergebens oder diese merkwürdige Sekte, die bei mir immer wieder Irritation hervorrief, auch weil ich Mühe hatte, nachzuvollzuziehen, was sie mir mit ihrem Geschwafel sagen wollen. ^^

Most people, however, didn't take a position either way. They just wanted to disappear into the pleasantries of their lives. As long as when bad things happened, they happened somewhere else, to someone they didn't know, it was not their problem. (Seite 369)

Insgesamt ist also genug Spannung da, dass ich dieses über 600 Seiten umfassende Werk innerhalb eines Tages verschlungen hatte, weil ich mich nicht mehr davon lösen konnte. Die Handlung habe ich dabei auch als unvorhersehbar empfunden, wusste bis zum Schluss nicht, wie der Autor das auflösen will, hatte Ahnungen und wurden dann doch wieder vollkommen überrascht.

Fazit: Spannender und fesselnder Abschluss mit einigen Perspektiven-, Orts- und Zeitwechseln, die aber gekonnt umgesetzt wurden, sowie mit überraschenden Wendungen und sympathischen Charakteren!

6 Kommentare

  1. Hi Dana,

    das klingt ja mega begeistert und genauso ging es mir auch!!! :D
    Ich fand den Band auch nicht schwächer als die anderen und grade die weiter greifende Übersicht durch die anderen Perspektiven, sowas mag ich immer sehr gerne!

    Ich hab ja schon länger keine Dystopie mehr gelesen bzw. halte ich mich da momentan etwas zurück, weil ich einfach nichts finde in dem Genre, das mich anspricht. Wobei ja Themen genug da wären, wie unsere Gesellschaft sich entwickeln könnte - ich finde, Shusterman hat da schon echt geniale Ideen. Wie übrigens auch in der 4teiligen "Vollendet" Reihe, hast du die auch gelesen?

    Liebste Grüße, Aleshanee

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Aleshanee,

      das freut mich, dass es dir genauso ging! :)
      Ich tu mich manchmal mit vielen Perspektiven schwer, außer, wenn es so gut gemacht wird wie hier, da bin ich dann doch begeistert. ^^

      "Vollendet" hatte ich ganz früher mal kurz auf der Wunschliste, hab's dann aber irgendwie aus den Augen verloren ... vielleicht sollte ich es mir mal wieder ansehen. ;)

      Liebste Grüße zurück!

      Löschen
    2. Vielleicht ist das auch ein bisschen Gewohnheit? Im High Fantasy Genre gibts ja doch desöfteren mehrere Perspektiven und ich mag das wenn ich dadurch einen Rundumblick bekomme über die Ereignisse, die überall passieren - und man begleitet die Charaktere ja dann meist auch über mehrere Bände :)

      Vollendet, das würde ich mir wirklich überlegen - fand ich auch mega gut!

      Löschen
    3. Ich les eigentlich auch ganz gerne High Fantasy und wenn es gut umgesetzt wird, komm ich auch damit klar, aber wenn ich die Wahl hätte, wäre ich normalerweise eher für wenige als für sehr viele Perspektiven. :D

      Sehr gut, dann schau ich's mir mal an!

      Löschen
  2. Hallo Dana,

    ich fand die Erzählweise am Anfang tatsächlich etwas verwirrend, gerade auch wegen der fehlenden Jahreszahlen, sodass es schwer ist, die Ereignisse in Bezug zueinander zu setzen.
    Aufgrund der komplexen Geshichte und den vielen komplizierten Begrifflichkeiten könnte ich mir allerdings gar nicht vorstellen, dass Buch auf Englisch zu lesen. Respekt.

    Von Vollendet kenne ich bisher nur den ersten Band. Ebenfalls sehr schauriges Szenario, die Reihe möchte ich auch auf jeden Fall noch weiterlesen.

    Viele Grüße
    Anja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Anja,

      ja, gerade mit den fehlenden Jahreszahlen war es tatsächlich zwischendurch etwas verwirrend, und es wäre vermutlich hilfreich gewesen, welche zu haben - oder zumindest eine Auflistung der Reihenfolge der Jahresnamen - aber ich mochte es trotzdem irgendwie, wie das zusammengesetzt wurde.

      "Vollendet" habe ich bisher nicht gelesen, es stand mal auf meiner Wunschliste, aber dann hab ich es ein wenig aus den Augen verloren ...

      Viele Grüße!

      Löschen

Nachrichten zaubern ein Lächeln ins Gesicht! ♥
Ich freue mich über jeden Kommentar, gebt einfach eure Meinung/ Kritik/ etc. zu dem Post ab. Ich antworte in der Regel auch. :)

-- Datenschutz: Mit dem Abschicken deines Kommentars erklärst du dich damit einverstanden, dass Daten von dir zwecks der Zuordnung des Kommentares verarbeitet und gespeichert werden. Von dir eingegebene Formulardaten (und ggf. personenbezogene Daten wie deine IP-Adresse) werden dabei an Google-Server übermittelt. Für weitere Informationen zur Datenverarbeitung s. Datenschutzerklärung und die Datenschutzerklärung von Google. --