Sonntag, 11. Oktober 2020

[Rezension] Swing Time

Do others have to lose so we can win? (Seite 50)


Autorin: Zadie Smith
dt.: Swing Time (2017)
Verlag: Penguin
Seiten: 464
Erscheinungsdatum: 2016
ISBN: 978-0-141-03660-1
Taschenbuch mit Klappenbroschur


TW: (Anklicken zum Aufklappen)

Rassismus, sexualisierter Missbrauch, körperlicher Missbrauch, Alkohol, Drogen, Krankheit



Inhalt:

Zwei Schwarze Mädchen wachsen in Willesden auf und lernen sich beim Tanzunterricht kennen. Nur Tracey hat wirklich Talent, doch für die nächsten Jahre scheinen die beiden unzertrennlich. Und doch werden sie zwei sehr unterschiedliche Lebenswege einschlagen.

Meine Erwartung:

Ich wusste vor dem Lesen nicht so ganz, was mich erwarten würde. Mich hat es gereizt, dass es ums Tanzen geht, so als Tänzerin,´und auch, dass es Themen wie black culture und Rassismus behandelt, und schließlich ist das Buch dann bei mir eingezogen.

Meine Meinung:

Die Protagonistin, die, wenn ich mich nicht täusche, nie einen Namen erhält, wächst in einem tendenziell ärmeren Arbeiterviertel in London auf, als Tochter einer jamaikanischen Mutter und eines weißen Vaters. Gemessen daran, dass die Autorin selbst Schwarz ist, ebenfalls aus Willesden kommt und anscheinend eine ähnliche Familienkonstellation hat, ist davon auszugehen, dass sie weiß, wovon sie schreibt - und diese Authentizität merkt man.

Die Mutter der Protagonistin ist viel beschäftigt, ehrgeizig, zielstrebig, links ausgerichtet und vor allem ausgerichtet auf das Ziel, für die Rechte vor allem von Schwarzen Menschen zu kämpfen. Sie ist Aktivistin, macht während der Kindheit der Protagonistin einen Universitätsabschluss, bildet sich weiter, steigt sozial auf und hält Intelligenz für wichtiger als alles andere, weshalb sie die Tanzleidenschaft ihrer Tochter eher abwertend betrachtet. Stattdessen hält sie ihr Vorträge über die Bürgerrechtsbewegung, über die Sklaverei, über Klassismus - Dinge, die die Protagonistin als Teenager wenig interessieren.
Stattdessen ist es vor allem der Vater, der sich um sie kümmert, während die Mutter oft vor allem auf ihre eigenen Ziele fokussiert ist - etwas, das die Protagonistin erst später wertzuschätzen lernt.

We felt we had our place in time. What person on earth doesn't feel this way? (Seite 314)

Die Geschichte startet ausgehend von einem Prolog im Jahr 2008 und springt dann zurück in die Kindheit in den 80ern. Ich war zwischendurch verwirrt, weil ab einem gewissen Punkt die Kapitel zwischen verschiedenen Zeitebenen wechseln - der der Kindheit und der, in der die Protagonistin eine junge Erwachsene ist - ohne dass das deutlich gemacht wird.
Stück für Stück setzt sich so das Bild des Lebens der Protagonistin zusammen. Angetrieben wird die Handlung von der leisen Spannung der Ereignisse des Prologs und der Frage, was dazu geführt hat - dessen Auflösung mich am Ende gar nicht mal so sehr mitgenommen hat.

Davon abgesehen überzeugte mich das Buch vor allem durch die Darstellung der Gesellschaft und gesellschaftspolitischer Themen. Themen, die zum Einen von der Mutter getragen werden, die als Aktivistin gegen Rassismus, Sexismus und Klassismus kämpft. Und obwohl die Protagonistin zu der Enttäuschung ihrer Mutter dieses Engagement nicht wirklich teilt, bekommt sie doch die Auswirkungen genug im Alltag zu spüren, sodass der Roman sehr anschaulich zeigt, wie diese Diskriminierung in alltäglichen Situationen funktionieren.
Wenn zum Beispiel die Lehrenden an der Schule naiv nach dem Sommerurlaub fragen, obwohl in der Klasse manche Familien sich lange keinen Urlaub leisten können und ein Mitschüler obdachlos ist. Kleine alltagsrassistische Begebenheiten. Kriminalität und Chancenungleichheit. Und vieles mehr. Viele Charaktere sind Schwarz, es gibt einen bisexuellen und einen homosexuellen Charakter und weitere PoC.

The world is saturated in blood. (Seite 316)

Ab dem Punkt, ab dem Teile der Handlung in Westafrika spielen, werden auch Themen wie white savourism, postkoloniale Machtstrukturen oder cultural appropriation behandelt. Sehr eindrucksvoll zeigt die Autorin, wie die Protagonistin in Westafrika die Europäerin ist und in Europa die Schwarze, bringt Identitätsfragen auf und gibt auch Denkanstöße in Bezug auf westliche Entwicklungszusammenarbeit, Postkolonialismus und Machtverhältnisse.
All diese Themen werden dem*der Leser*in jedoch nicht ins Gesicht geschleudert, im Gegenteil, sie werden eindringlich in die Erfahrungen und Gedanken der Protagonistin eingewoben, in ihrer vollen Komplexität, und zeigen sich damit umso einprägsamer und nachdenklich stimmender.

Wie ein Faden zieht sich die Freundschaft der Protagonistin zu Tracey durch die Geschichte, eine Freundschaft, die ich von Anfang an als toxisch wahrgenommen habe, ordnet sich die Protagonistin doch von Anfang an dem egozentrischen anderen Mädchen unter, isoliert sich teilweise für dieses und neigt dazu, Tracey quasi zu glorifizieren - etwas, was durchaus auch hinterfragt wird.
Gleichzeitig dreht sich viel auch um die Leidenschaft fürs Tanzen, für Tanzfilme, gerade mit Schwarzen Tänzerinnen, und für Popkultur. Es geht um coming of age, um Selbstfindung, um black culture und insgesamt um den Lebensweg einer jungen Frau.
Es ist ein politischer Roman, der eine leichte Sogwirkung ausübt, mit einem Schreibstil, der manchmal zu langen Sätzen tendiert, was ich aber irgendwie mochte, ebenso wie die leichte Ironie, die manchmal mitschwingt. Jeder der relevanteren Charaktere erhält eine eigene Persönlichkeit, und vermutlich trägt das mit dazu bei, dass diese Geschichte so lebendig wirkt.

Fazit: Ein flüssig zu lesender Roman über den Lebensweg einer jungen Schwarzen Frau aus einem Arbeiterviertel in London, der einprägsam Themen wie Rassismus, Postkolonialismus, Feminismus und Klassismus behandelt, Denkanstöße liefert, sich aber auch um Selbstfindung, eine nicht unproblematische Freundschaft und die Begeisterung fürs Tanzen dreht.


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