Montag, 19. Oktober 2020

[Rezension] Das perfekte Leben meiner Schwester


Autorin:
Sophie Edenberg
Verlag: selfpublished
Seiten: 395
Erscheinungsdatum: 30.09.2020
ISBN: 979-8-6791-2510-0
Taschenbuch; 14,99€
 
 
CW:  (Anklicken zum Aufklappen)

Sexualisierte Gewalt, graphisch beschriebene Vergewaltigung, Rassismus, Sexismus, Alkohol, Krankheit, Blut, versuchter Todschlag, explizite Sexszenen, Fat-Shaming, Slut-Shaming (keine Gewähr auf Vollständigkeit)




Inhalt:

Als die neunzehnjährige Emma herausfindet, dass sie adoptiert wurde, bricht ihre Welt zusammen. Zudem stellt sich heraus, dass ihr Vater ein vermögender Wiener ist. Während sie selbst in Armut aufgewachsen ist, lebt ihre Halbschwester im Überfluss. Und ihr Vater will nichts von ihr wissen. Getrieben von Eifersucht beschließt Emma, Rache zu nehmen - doch dann lernt sie ihre Halbschwester besser kennen ...

Meine Erwartung:

Die Autorin hat mich freundlich angefragt, ob ich Interesse an einem Rezensionsexemplar hätte, und nachdem ich die Idee sehr faszinierend fand, hat sie mir ein Exemplar zugeschickt - vielen Dank dafür!
 
Meine Meinung:
 
Wie gesagt, ich fand die Idee sehr faszinierend. Eine junge Frau, die bei mittellosen Adoptiveltern aufwächst und dann herausfindet, dass ihr eigentlicher Vater reich ist, und sieht, wie ihr Leben eigentlich hätte aussehen können, die erst ihre Halbschwester dafür büßen lassen will und sie dann besser kennenlernt - die Idee hat definitiv Potenzial. Und obwohl ich das Grundkonzept mochte und Emmas Racheplan an sich auch nicht ununterhaltsam war, musste ich leider feststellen, dass die Umsetzung nicht mein Fall ist.

Ich fand es von vorneherein schade, dass Emma eine stereotypische Adoptivfamilie hat, die sie wie den letzten Dreck behandelt. Zum Einen verstehe ich nicht, wieso man dann Kinder adoptieren sollte, zum Anderen hätte ich es viel schöner gefunden, wenn Emma liebende Adoptiveltern gehabt hätte, da das Konflikt auch nochmal interessanter gemacht hätte (das mochte ich zum Beispiel bei "Herzmuschelsommer" von Julie Leuze).
Stattdessen ziehen ihre Adoptiveltern ihren leiblichen Sohn vor, unterstützen sie nicht und werden ausschließlich als unsympathisch dargestellt. (Das damit verbundene Fat-Shaming, bei dem das Übergewicht der Adoptiveltern als Mitträger für diese Unsympathie herhalten muss, fand ich auch schade.) Hier hätte ich mir eine andere Auseinandersetzung und mehr Tiefe gewünscht, auch wenn natürlich umgekehrt dadurch der Kontrast zu dem Leben ihrer Halbschwester und Emmas Hass auf dieses verschärft werden.

Womit ich auch nicht gerechnet habe, waren die sehr graphischen Beschreibungen der sexualisierten Übergriffe durch Emmas Adoptivonkel, seit sie ein Kind ist. Hier wäre durchaus auch eine Triggerwarnung hilfreich gewesen. Ich hätte mir gewünscht, dass dieses sensible Thema mehr aufgearbeitet worden wäre und weniger einen Ansatz von "sie ist stärker" verfolgt hätte, der für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr in die Richtung Victim Blaiming driftete, wenn Überlebende eben nicht so leicht damit zurechtkommen.

Überhaupt war das Buch sehr durchzogen von Frauenfeindlichkeit, vor allem durch die Antagonisten, die offensiv sexistische Sprache und Beleidigungen verwenden. Aber auch von Emma kommen Aussagen wie "weibliche Dramatik" und "warum müssen Frauen immer nur über Männer reden", und ihre Beschreibung mancher Outfits anderer Frauen haben den schalen Beigeschmack von Slut-Shaming.
Und auch der kurz auftauchende Rassismus schien nur die Funktion zu haben, Charaktere unsympathisch zu machen, ohne dass sich wirklich damit auseinandergesetzt wurde, wodurch ich das Gefühl hatte, dass auch darauf hätte verzichtetet werden können, denn unsympathisch waren die Gegenspieler allemal.

Von der offensichtlichen Unsympathie abgesehen bin ich aber leider nicht wirklich an die Charaktere herangekommen. Der überwiegende Teil der Geschichte wird aus Emmas Sicht geschrieben, dazwischen mischen sich aber auch Perspektiven beispielsweise durch ihren Vater oder ihre Halbschwester Céline. So wirklich greifen konnte ich gerade die Hauptcharaktere nicht.
Hinzu kam, dass mich die Handlung leider auch nicht wirklich fesseln konnte. Zwischenzeitlich wurde das dadurch unterstützt, dass es aus der Perspektive von Emmas leiblichem Vater teilweise längere Passagen über Immobiliengeschäfte waren, die ich als langweilig und schwer zu folgen empfunden habe.

Es gibt bei dem Ganzen eine kleine Liebesgeschichte am Rande, aber auch hier habe ich schlicht und ergreifend kein wirkliches Bild zu dem Love Interest im Auge. Überhaupt ging hier vieles nur über sexuelle Anziehung und generell baggert wirklich jeder Typ in diesem Buch Emma an, die selbstredend als wunderschön beschrieben wird. Nicht selten ist das Verhalten dabei auch übergriffig, was mir auch zu wenig reflektiert wurde - ich fand es zumindest eher unangenehm zu lesen. Auch die Sexszenen haben mich mit Ausdrücken wie "er röhrte vor Lust" ehrlich gesagt eher irritiert.
 
Dafür mochte ich die Beziehung, die zwischen Emma und Céline entsteht, und anfangs nur von Emma inszeniert ist, ehe sich ihre Einstellung langsam ändert. Ein bisschen habe ich mir gewünscht, dass mehr aus dem Potenzial gemacht worden wäre, dennoch boten sich hier interessante Entwicklungen.

Fazit: Trotz interessanter Idee konnte mich dieser Roman leider nicht überzeugen und fesseln, auch weil mir die Charaktere zu blass waren und sensible Themen für meine Erwartung nicht genug reflektiert wurden.

 
Vielen Dank an die Autorin!
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