Dienstag, 16. Februar 2021

[Rezension] Hexenlied

"Ich schätze, keiner kann die Zeit reparieren", sagte la bruja und zuckte die Schultern. "Sie geht immer nur in eine Richtung." (Seite 171)


Autorin:
Antonia Michaelis
Verlag: Oetinger
Seiten: 400
Erscheinungsdatum: 22.07.2019
ISBN: 978-3-7891-1052-8
Gebunden mit Schutzumschlag; 20,00€
 
 
TW: (Anklicken zum Öffnen) 

Esstörungen, selbstverletzendes Verhalten, psychische Erkrankungen, Panikattacken, PTBS, Mord, Tod, Folter, Blut, Alkoholmissbrauch, Krankheit, Suizidgedanken, Rassismus (keine Gewähr auf Vollständigkeit)



Klappentext:

Tim ist scheinbar ein ganz normaler Jugendlicher. In Lilith dagegen sehen alle eine Außenseiterin. Als Lilith in der Theatergruppe die Hauptrolle der mexikanischen Hexe, „la bruja“, übernimmt, hat das seltsame Auswirkungen. Sobald „la bruja“ die Bühne betritt, wirken alle wie gebannt in ihren Rollen. Außerhalb der Proben entwickelt sich zudem ein besonderes Verhältnis zwischen Tim und „la bruja“. Doch bald gibt es erste Gerüchte, dass Lilith tatsächlich eine Art Hexe sein könnte. Denn immer mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Theaterstück und Realität.

Äußere Erscheinung:

Das Cover ist in dem typischen Stil der Bücher der Autorin in dem Verlag gehalten, bei dem ein Teil des Motivs auf der Abbildung unter dem Schutzumschlag passend zur Geschichte verschwindet.

Meine Erwartung:

Ich liebe den Stil der Autorin und als ich gesehen habe, dass ein neues Buch von ihr erschienen ist und viele von euch davon begeistert waren, ist es direkt auf meine Wunschliste gewandert. Die Idee klang außerdem perfekt für den Stil und so habe ich mich gefreut auf die Umsetzung.

Meine Meinung:

Ich schiebe diese Rezension jetzt schon seit November vor mir her, aber in den vergangenen zwei Monaten bin ich mir auch nicht klarer darüber geworden, wie ich dieses Buch jetzt eigentlich fand. Von daher versuch ich jetzt einfach mal ein paar meiner Gedanken einzufangen, ohne Garantie dafür, dass es mir gelingt, meinen Eindruck wiederzugeben. ^^
 
Gefühlt war es schon ein bisschen her, dass ich zuletzt ein Buch von Antonia Michaelis gelesen habe. Innerhalb weniger Seiten habe ich mich erneut in ihren Schreibstil verliebt, in die Art und Weise, wie sie mit Worten spielt, in die Metaphorik, die wunderschönen Ausdrücke. 
Und vor allem auch habe ich mich auch da hineinverliebt, wie sie die Grenze zwischen Vorstellung und Wirklichkeit durchbricht, bis man sich auch als Leser*in nicht mehr sicher ist, was tatsächlich passiert ist, was nur Einbildung war und ob nicht doch übernatürliche Geschehnisse am Platz sind. Und wie erwartet eignet sich der Handlungsschwerpunkt eines Theaterstücks perfekt dafür, spätestens, wenn nicht mehr klar zu sein scheint, was Charakter ist und was die tatsächliche Persönlichkeit, was nur gespielt und was echt. Immer mehr scheint das Theaterstück auch auf die Realität übertragen zu werden und ich mochte es, die Parallelen und Bedeutungen zu suchen.
Dabei mochte ich auch die düstere Konnotation, denn die Bedrohung aus dem Stück, das sich um den Mexikanischen Bürgerkrieg, aber auch um Hexenverfolgung dreht, scheint mehr und mehr auch auf die Realität überzugreifen, als gäbe es aus dem Stück kein Entkommen, als müssten alle die ihnen zugewiesenen Rollen spielen.

Zwischendurch blinzelt man und versucht sich in Erinnerung zu rufen, dass es eigentlich nur ein Schultheater ist, doch die dunkle, melancholische Atmosphäre packte mich und ließ mich nicht wieder los, sodass ich mich selbst ein bisschen so fühlte, als würde ich in diese Abgründe zwischen Vorstellung und Wirklichkeit gesogen. Deswegen würde ich auch nicht empfehlen, dieses Buch zu lesen, wenn es einem mental nicht gut geht oder man einen schlechten Tag hat - und verweise oben noch mal auf meine Triggerwarnung für dieses Buch, denn es hat es wirklich in sich.

Ich sollte es vermutlich mittlerweile von Büchern der Autorin gewohnt sein, dass sie sich allermöglichen Themen annimmt, die im Allgemeinen manchmal als "Tabu-Themen" klassifiziert werden, vor allem aber auch schwierigen Themen, und dass in ihren Büchern alles andere als heile Welt ist, im Gegenteil, vielmehr werden hier die gesellschaftlichen Abgründe aufgezeigt.

Normalität war nur eine Wand, hinter der er sich versteckte.(Seite 74)
 
Der Protagonist Tim gibt sich Mühe, normal und angepasst zu wirken, fühlt sich aber insgeheim nicht so, unter anderem weil er manchmal Panikattacken bekommt, die er allerdings vor seinen Freund*innen verheimlicht. Insgesamt konnte ich ganz gut mit ihm mitfühlen. Es zeigen sich dabei auch ganz gut Fragen von Zugehörigkeit und zu-sich-selbst-Stehen als Jugendliche. Denn während seine Clique Lilith nicht mag, ist Tim von ihr fasziniert und beginnt, Zeit mit ihr zu verbringen.
Generell waren die Charaktere meist recht tiefgründig ausgearbeitet, was sich vor allem mit voranschreitender Entwicklung der Handlung zeigt. Sie alle haben eigene Ängste und Wünsche, haben ihre eigenen Probleme, und insgesamt wird dadurch das Verhalten der meisten Charaktere nachvollziehbar.

Neben Fragen der Gesellschaftsordnung unter Jugendlichen werden aber Themen wie psychische Gesundheit und Rassismus aufgegriffen. Und hier muss ich sagen, dass mir das teilweise nicht weit genug reflektiert wurde - beispielsweise werden rassistische Kommentare gegenüber eine muslimischen Mitspielerin nur bedingt reflektiert, vermutlich unter Annahme, dass implizierter Anti-Rassismus reicht, um diese infrage zu stellen.
Diese geringe Reflexion ist vielleicht auch irgendwo Teil des Stils und der Erzählweise, führt aber dazu, dass manche Darstellung einen problematischen und romantisierenden Beigeschmack erhalten und die Geschichte erfordert, dass Lesende die Darstellungen selbst reflektieren können und sich darüber immer bewusst sind. Daneben gab es eine Stelle, die ich ziemlich problematisch fand - kleiner, nicht plotrelevanter Spoiler, Anklicken zum Öffnen:


Und so sehr ich diesen Stil liebe, manchmal hatte ich gegen Ende doch das Gefühl, dass die Ereignisse ein wenig ins Absurde getrieben wurden, dass es immer abgründiger, kaputter und düsterer wurde und dabei vernachlässigt wurde, dass es letztendlich eben doch eigentlich nur eine Schulgruppe sein sollte.

Fazit: Wunderschöner Stil,  der die Grenzen zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, zwischen Theaterstück und Realität bricht, und mich ganz in seine düstere, melancholische Atmosphäre zog. Die Charaktere sind tiefgründig, gleichzeitig werden viele ernste Themen angeschnitten, nicht immer aber auch ausreichend reflektiert oder ganz unproblematisch dargestellt.


Quelle Klappentext: Oetinger

6 Kommentare

  1. Hi liebe Dana,

    ich stimme dir da voll zu, denn auch ich liebe den Stil der Autorin und dieses Verschwimmen von Realität und Einbildung, das sie gerne in ihren Geschichten nutzt. Aber mir ist bei den letzten Büchern, die ich von ihr gelesen habe, öfter aufgefallen, dass sie problematische Inhalte unzureichend bis gar nicht reflektiert (bestes Beispiel "Der Märchenerzähler"). Weshalb ich mir allmählich schwer damit tue, ihre Bücher zu lesen...

    Liebe Grüße
    Alica

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    1. Hallo liebe Alica,

      genau DAS! Es beruhigt mich gerade ungemein, dass es nicht nur mir so geht!
      Ich glaube, mir fällt das auch immer mehr auf, je mehr ich mich mit der Diskussion um "Der Märchenerzähler" auseinandergesetzt habe - ich habe das Buch super jung gelesen und das damals null reflektiert (und vermutlich auch nicht ganz verstanden, was da eigentlich passiert), aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto mehr fange ich jetzt an, in ihren Büchern darauf zu achten und desto mehr stört es mich mittlerweile, dass problematische Inhalte tatsächlich ziemlich unreflektiert und teils auch romantisierend dargestellt werden. Und so sehr ich ihren Stil liebe, auch ich merke langsam, dass mein Interesse an ihren Büchern sinkt und es mir schwerer fällt, zu vertreten, dass ich ihre Geschichten toll fand, weil ich sie nicht mehr uneingeschränkt empfehlen möchte. :x

      Alles Liebe! ♥♥♥

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    2. Ich hatte den Punkt im "Märchenerzähler" damals sogar in meiner Rezension kritisiert (war eine der ersten, die ich je geschrieben habe), aber das Buch insgesamt trotzdem ganz gut bewertet. Damals hat noch der schöne Schreibstil gesiegt. :'D Heute merke ich aber, dass mich selbst eher kleine inhaltliche Probleme so sehr stören, dass ich ein Buch nicht nochmal lesen wollen würde... Und v.a. ist das bei Antonia Michaelis ein wiederkehrendes Problem und kein "Ausrutscher". Mich wundert aber schon, dass man als Autor:in auf der einen Seite "Tabu-Themen" aufgreifen kann, auf der anderen Seite aber in vielen Aspekten unreflektiert bleibt. :/

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    3. Ja, mich verwirrt das auch ein bisschen. Ich meine, sie scheint ja offensichtlich Aufmerksamkeit für solche Themen schaffen zu wollen, aber selbst in dem Stil ließe sich das deutlich mehr reflektieren. Mir ist irgendwo bewusst, dass sie bewusst in die moralisch grauen Spielräume geht, aber im Endeffekt wird es eben immer noch als Jugendliteratur vermarktet, und ich habe bei fast allen ihrer Bücher das Gefühl, dass problematische Schlüsse von den Charakteren aus der Handlung rausgenommen werden, ohne dass dies infrage gestellt wird ...

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    4. Und es gibt erstaunlich viele erwachsene Leser:innen, die es nicht oder unzureichend reflektieren. Dass das Jugendliche dann können sollen, ist unwahrscheinlich...

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    5. Zumal es sich ja auch sehr um Probleme und Lebenswelten Jugendlicher dreht, was es in meinen Augen noch schwieriger macht, problematische Verhaltensweise nicht zu reflektieren - ich merk ja selbst, dass ich das Verhalten der Charaktere eigentlich erst jetzt so wirklich hinterfrage. :x

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